Die Macht der Sprache

Zum neuen Programm in der AKADEMIE am DOM 2019/20

„Niemand holt sein Wort wieder ein.“ (Wilhelm Busch) Ob Liebesgeflüster, Rufmord oder Tabuworte – einmal in die Welt gesetzt, zeigen Worte Wirkung, entfaltet Sprache Macht, ja, entfacht mitunter sogar Gewalt. Zugleich wirkt Sprache nach innen, sie bestimmt die Wahrnehmung der Welt und unser Bewusstsein. Die AKADEMIE am DOM befasst sich im Studienjahr 2019/20 mit bemerkenswerten Aspekten von Sprache.

Gott ist sprachkundig

Die biblische Tradition beider Testamente basiert auf dem wirkmächtigen Gottes-Wort: „Im Anfang war das Wort … – und das Wort ist Fleisch geworden“ (Joh 1,1.14). Gottes Wort schafft Leben, es wird Menschen anvertraut, die es verkünden sollen, das Wort „wird Mensch“, es überwindet im Pfingstwunder die sprachliche Entfremdung der Menschheit und erreicht, allen verständlich, schließlich die „Enden der Erde“. Es kehrt nicht leer zu dem zurück, der es gesandt hat (vgl. Jes 55,11). Vielmehr bewegt es zur vielgestaltigen Antwort: in der Liturgie, im Bekenntnis und Gebet, in der Lehre und im Leben. Was aber, wenn die Rede von Gott nicht „mit der Zeit geht“, stagniert, erstarrt, zur Floskel wird, ungehört bleibt? Was, wenn unsere Sprache ganz gottlos wird?

Es beginnt mit der Sprach-Gewalt…

Dann schlägt die Stunde derer, die sprachgewaltig eigene Ideale und Interessen verfolgen wie in den Diktaturen der Geschichte und Gegenwart: Sie verschieben und überschreiten schützende Grenzen und errichten stattdessen trennende Mauern. Die gewalttätige Sprache der Demagogen heroisiert und sakralisiert, marginalisiert, emotionalisiert, kategorisiert, verdreht und manipuliert, um den Menschen ideologisch neu zu formen. Hass und Lügen verbreiten sich sekundenschnell im world-wide-web – und niemand holt sie je wieder ein. Dagegen erscheint das fragwürdigen Idealen nachempfundene Menschenbild der Werbung vergleichsweise harmlos …

Vom Schweigen und Sprechen

Respekt finden die Grenzen des Sagbaren in der Philosophie, Religion und Mystik: Sie akzeptieren das Verstummen vor dem Unnennbaren, den Verzicht auf Worte angesichts des Unbegreifbaren. Sie verstehen sich auf Symbole; Buchstaben und Ziffern enthüllen Geheimnisse des Lebens, der Schöpfung, der Seele und der himmlischen Sphären. Gegen Unrecht freilich erheben auch Mystiker, Propheten, Dichter, Weise und Mahner ihre Stimme. Sie wissen um die fatale Wirkung von Sprechverboten und Tabuworten, kennen die lebensfeindliche Macht von Fluch und Bann. Heute nennen wir das Verstummen verletzter Seelen „Depression“ und versuchen der himmelschreienden Sprachlosigkeit der Opfer von Missbrauch Gehör zu verschaffen.

„Wie schade, dass du ein Mädchen bist“

(c) Erhard Lesacher

Am Rand bleiben auch die, denen die alltägliche Sprache nicht gerecht wird: „Man wird erst wissen, was die Frauen sind, wenn ihnen nicht mehr vorgeschrieben wird, was sie sein sollen“, schreibt die Schriftstellerin, Frauenrechtlerin, Philosophin und Malerin Rosa Mayreder 1905. Ihre berührenden Lebenserinnerungen legen den Finger in die Sprachwunden unserer Tage: Geschlechterverhältnisse sind sprachlich (mit)bestimmt, und Sprachfähigkeit, der Erwerb oder Verlust von Sprache, entscheidet vielfach über Inklusion von Fremden, Kranken, Alten – oder ihren Ausschluss. Frei nach Ludwig Wittgenstein: „Die Grenzen deiner Sprache sind die Grenzen deiner Welt.“

Sprache schafft Bewusstsein

So setzt die kirchliche Frauenarbeit nicht nur im sprachlichen Übergang von der „Entwicklungshilfe“ zum „Empowerment“ eine (neue) entgrenzte Wirklichkeit. Ähnlich eröffnen, ob wortreich oder wortlos im Ausdruck, auch Literatur und Musik, die bildenden, darstellenden und anderen Künste ansprechende Räume, die lebensfroh bewohnt und kommuniziert werden wollen.

„Es gibt vielerlei Sprachen in der Welt, und nichts ist ohne Sprache. Wenn ich nun die Bedeutung der Sprache nicht kenne, werde ich ein Fremder sein für den, der redet, und der redet, wird für mich ein Fremder sein.“ (1 Kor 14,10f) In der AKADEMIE am DOM freuen wir uns auf die Verständigung in vielen Sprachen, um Menschen und Überzeugungen einander näherzubringen.

Erstveröffentlichung: magazin KLASSIK No.14/Herbst 2019, S. 41-43.

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