Antrieb der Befreiung oder Bremse der Modernisierung? Die Rolle der Kirche vor und nach der Wende von 1989

Vor 30 Jahren, am 9. November 1989 kam es zu einem Erdbeben, das den Eisernen Vorhang fallen ließ und den Aufbau eines neuen Europa ermöglichte. Mit dem Fall der Berliner Mauer hat sich die europäische Landschaft verändert, doch die Folgen der Trennung bleiben bis heute spürbar. Was war dabei die Rolle der Kirche und was sollte sie heute tun? War sie ein Antrieb der Befreiung? Ist sie eine Bremse der Modernisierung?


2017 veröffentlichte die deutsche Rock-Band Kettcar das Lied „Sommer ’89“, in dem die Flucht einer Gruppe von DDR-Bürgern im Sommer 1989 über Ungarn nach Westdeutschland aus der Sicht eines Fluchthelfers thematisiert wird. Das Lied beschreibt die Hoffnungen und Enttäuschungen der Geflüchteten:

„Es war im Sommer ’89, eine Flucht im Morgengrauen
Es war im Sommer ’89, und er schnitt Löcher in den Zaun
Sie kamen für Kiwis und Bananen
Für Grundgesetz und freie Wahlen
Für Immobilien ohne Wert
Sie kamen für Udo Lindenberg
Für den VW mit sieben Sitzen
Für die schlechten Ossi-Witze
Kamen für Reisen um die Welt
Für Hartz IV und Begrüßungsgeld
Sie kamen für Besser-Wessi-Sprüche
Für die neue Einbauküche
Und genau für diesen Traum
Schnitt er Löcher in den Zaun“

Das Lied spricht über einen unbekannten Helfer, der diese Flucht ermöglichte und begleitete. Doch wer waren die Fluchthelfer?

Die Fluchthelfer

Die Gründe für den Fall des Eisernen Vorhangs sind vielfältig: Es waren sicherlich innere Faktoren wie der Glaubwürdigkeitsverlust der Kommunisten und der Zusammenbruch des sozialistischen Wirtschaftssystems. Es war vor allem der Widerstand der Zivilbevölkerung, der diese friedliche Revolution umgesetzt hat. Es gab aber auch eine Vielzahl von Einzelpersonen, die als „Fluchthelfer“ den Widerstand der Bevölkerung ermöglicht haben: ein ‚aufgeklärter‘ Diktator in der Sowjetunion, ein amerikanischer Präsident mit seiner pragmatischen Politik und ein osteuropäischer Papst, der den Protestierenden Vertrauen in ihre eigene Macht gab.

Die Rolle der Kirche: Antrieb der Befreiung

Die Rolle von Johannes Paul II. als einem der Fluchthelfer kann man mit vielen seiner Predigten und Ansprachen während der Reisen in die Länder des damaligen Ostblocks belegen. Der Zusammenhang zwischen der Reise nach Polen 1979 und dem Aufkommen der Gewerkschaft „Solidarność“ scheint auch nicht zufällig zu sein. Die Abschlussworte seiner Predigt in Warschau: „Dein Geist komme herab, dein Geist komme herab, und erneuere das Antlitz der Erde, dieser Erde“, klingen bis heute in den polnischen Ohren. Der Papst wandte sich aber nicht gegen den Kommunismus, weil ihm etwa die kommunistische Interpretation des Marxismus nicht gefiel, sondern weil dieses System enormes Unheil hervorbrachte, das sich in Armut, Unterdrückung, Ausbeutung (der Menschen und der Natur) sowie Unfreiheit ausdrückte.

Warschau, Besuch von Johannes Paul II. 1979
(c) http://www.aan.gov.pl/

Dies war das Verdienst der Katholischen Kirche im Kommunismus: Sie war eine Institution, die auf den Unterschied zwischen Gut und Böse, Wahrheit und Lüge hingewiesen hat. Das half den Menschen, faule Kompromisse abzulehnen. Das half, die eigene Würde zu behalten. Die kirchlichen Lichtgestalten – die Märtyrer aus dieser Zeit – bleiben für viele bis heute Vorbilder des richtigen Handelns.

Wende: Verhängnis für die Kirche?

Die Jahre 1945-1989 sind nicht nur ein leuchtendes Kapitel in der Kirchengeschichte: Es gab viel zu viele, die sich mit den Machthabern zurechtgefunden und ihnen für ein halbes Kilo Kaffee die eigenen Vorgesetzten ausgeliefert haben. Für die Kirche im Osten Europas bleibt aber etwas anderes verhängnisvoll. Die Wirklichkeit war einfach zu definieren: Es gab „uns“ – die guten Christen – und „sie“ – die bösen Kommunisten. Es gab die Verfolger und die Verfolgten, die Lügner und die Gerechten. Nach 1989 war die Welt komplexer: Es gab keinen äußeren Feind mehr, gegen den man kämpfen konnte. Eine Falle, in die vielleicht auch der Papst ging, als er 1995 bei seinem Polenbesuch die „Christenverfolgung“ in Polen andeutete.

30 Jahre danach

Der anfangs erwähnte Helfer „schnitt Löcher in den Zaun“ um einen ganz gewöhnlichen Traum zu ermöglichen: Einen Traum nach Bananen, nach dem Volkswagen, nach der neuen Einbauküche. Dieser Traum entpuppte sich aber gleichzeitig als eine Täuschung: Es kamen Kiwis und Bananen, es kamen aber auch Hartz IV und die überheblichen Weisheiten der Westdeutschen. 1989 ist ein Traum in Erfüllung gegangen. Die Nacht des Mauerfalls war eine Feier. Doch wie nach jeder Feier gab es auch da nicht wenige, die am nächsten Tag mit Kopfschmerzen und einem Kater aufgewacht sind. Dauert der Kater bei manchen nun also schon 30 Jahre an? Bei einigen vielleicht auch begründet?

Sind auch manche der Kirchenvertreter „verkatert“? Welche Sympathien werden von den Kirchenvertretern in den ehemaligen Ostblockländern geteilt? Wie gehen sie mit modernen Herausforderungen wie Pluralität, Menschen auf der Flucht oder rechtspopulistischen Tendenzen um?

Wie man auch immer die Entwicklung um das Jahr 1989 beurteilen mag, waren die Kirche und ihre Vertreter eine Quelle des Widerstandes und eine Kraftressource für die Menschen. Die Erfahrungen dieser Jahre müssen ernst genommen werden, aber sie dürfen nicht nur romantische Erinnerung bleiben. Es gibt nicht mehr das überkommene Freund-Feind-Schema, es gibt kein Schwarz-Weiß mehr. Es bleiben die Herausforderungen der modernen Gesellschaft und die reale Möglichkeit, dass wir es nicht nur mit einem Europa, sondern auch mit einer Kirche der „zwei Geschwindigkeiten“ zu tun haben (werden).

In einem Rückblick fasste der Osteuropakenner Klaus Nellen seine Arbeit von 1989 zusammen: „Mochten andere das ‚Ende der Geschichte‘ feiern, in unseren Augen fing die Arbeit erst an.“ Auch für die Kirche fing im Jahr 1989 die Arbeit erst an: Um die neuen Demokratien zu begleiten, um die Gläubigen in diesem neuen Kontext zu unterstützen, um der eigenen Mission gerecht zu werden.

Ausblick

„Der Mauerfall ist nicht nur ein geschichtliches Ereignis, das gefeiert werden soll, sondern er hat auch eine prophetische Dimension. Er hat uns gelehrt, dass der Bau von Mauern zwischen den Menschen niemals die Lösung sein kann und somit ein Aufruf ist, sich für ein besseres und stärker zusammenwachsendes Europa einzusetzen.“ – schrieben die Bischöfe der COMECE am 6. November 2019. Der Geist, der 1979 in Warschau angerufen wurde, möge auch heute herabkommen, wie die Bischöfe in derselben Erklärung festhalten: „Er [der Heilige Geist] ist der Ursprung und das Fundament der Hoffnung und die Quelle wie auch die Kraft einer neuen Verpflichtung zu den Werten, auf denen Europa aufgebaut wurde: Gerechtigkeit, Freiheit und Frieden.“ Um Abbau der Mauern, um Gerechtigkeit, Freiheit und Frieden geht es also – nicht um Kiwis und Bananen.

(c) Yulia Chinato on Unsplash

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