In Stein gemeißelt? Die Glaubensbekenntnisse im Wandel der Zeit

Nicht viele Texte der (Kirchen)Geschichte können eine ähnliche Karriere vorweisen: Die christlichen Glaubensbekenntnisse erfüllen seit jeher eine Vielzahl von Funktionen und gehören zu den faszinierendsten Dokumenten des Christentums: Sonntag für Sonntag werden sie im Gottesdienst gesprochen oder gesungen. Sie finden Verwendung im Katechumenat, bei der Taufe, in der Predigt, in Gebeten, im Exorzismus – und im Kampf gegen Häresien. In der Geschichte wird ihnen bisweilen sogar magische Wirkung zugeschrieben. Wie sind die christlichen Glaubensbekenntnisse erstanden, welche Funktionen erfüllten sie und welche Bedeutung können sie noch für heute entfalten?

Das Bekenntnis der Apostel?

Während des sog. Apostelkonzils in Jerusalem beschließen die Jünger Jesu eine „Richtschnur für ihre künftige Predigt“ zu verfassen. Erfüllt vom Heiligen Geist hat jeder von Ihnen einen Satz hinzugefügt und diese 12 Sätze zusammengetragen ergaben das berühmte „Apostolische Glaubensbekenntnis“ – wie  Rufin von Aquileia (4./5. Jh.) beschreibt. Diese Darstellung hat sich zwar bereits im 14. Jahrhundert als Legende erwiesen, aber – wie jede Legende – enthält sie ein Moment der Wahrheit: So kam dem Text, den die Christen hierzulande jeden Sonntag im Gottesdienst sprechen, in der Geschichte „apostolische Autorität“ zu, d. h. seine Sätze sind sakrosankt.

Glaubensbekenntnisse im Wandel der Zeit …

Die Geschichte der christlichen Glaubensbekenntnisse ist allerdings viel komplexer: Kurze Formeln des Glaubens finden wir bereits im Alten und Neuen Testament. Im 2. Jahrhundert erfahren die kurzen Formeln in der Taufkatechese, dem „privilegierten Ort des Aufeinandertreffens von Glaubenslehre und Liturgie“, eine Verschmelzung und erreichen ab dem 3. Jahrhundert ihre Blütezeit in verschiedenen Formen: Als Tauffragen, als private Bekenntnisse und schließlich als große konziliare Zusammenfassungen des christlichen Glaubens. In der Spätantike fixiert, werden sie im Frühmittelalter um einige Zusätze ergänzt. Erst in der Reformation und später unter dem Pontifikat Pauls VI. entstehen neue Zusammenfassungen des Glaubens.

… und im Gebrauch der Gläubigen

Glaubensbekenntnisse – auch Credo, Symbol, Bekenntnis, Formel des Glaubens, Regula Fidei genannt – werden vielfältig gebraucht: im Katechumenat, bei der Taufe, im Exorzismus, in der Predigt, in feierlichen Äußerungen der Kirche wie Hymnen, Gebeten, Rufen; in der Polemik der Kirche und in der Verfolgung; bei Synoden und im Briefwechsel von Bischöfen. Heutzutage werden sie in der Messe an Sonn- und Feiertagen gesprochen, Pfarrer und Theologieprofessoren müssen sie unterschreiben und einigen Christen bieten sie die Grundlage für ihr tägliches Gebet. Ihre Verwendung oszilliert ständig zwischen einer Bekenntnis- und einer Lehrfunktion.

Was bedeutet „Ich glaube“ für heute?

Passt aber der altehrwürdige Text in unsere Zeit? Können wir mehr damit anfangen, als ihn wie ein auswendig gelerntes Goethegedicht aufzusagen? Im 20. Jahrhundert haben sich fast alle großen Theologen um eine zeitgemäße Auslegung des Credo bemüht. Joseph Ratzinger formulierte sein Anliegen mit folgenden Worten: „Es will helfen, den Glauben als Ermöglichung wahren Menschseins in unserer heutigen Welt neu zu verstehen, ihn auszulegen, ohne ihn umzumünzen in ein Gerede, das nur mühsam eine völlige geistige Leere verdeckt.“ Vor dieser Herausforderung steht jeder, der ein Bekenntnis spricht: Es kann Welten eröffnen – oder auch bloß eine „geistige Leere“ verdecken.

Das Glaubensbekenntnis: Ein Text, der ebenso vertraut wie sperrig ist, der einen Horizont auftut und zugleich begrenzt. Der Spezialkurs „Die Glaubensbekenntnisse im Wandel der Zeit“ bei den THEOLOGISCHEN KURSEN im Jänner 2020 führt in Geschichte, Form, Funktion und Inhalt der Bekenntnisse ein und fragt nach einem zeitgemäßen Umgang und Verständnis.

Erstveröffentlichung: magazin KLASSIK No.15/Winter 2019/20, 50-52. [PDF]

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