Auf der Suche nach seinem Antlitz

„Gott zu suchen“ ist die Aufgabe jedes religiösen Menschen. Ein Christ sucht Gott in der Bibel, in der Natur, in den Ereignissen des eigenen Lebens, in der christlichen Tradition, in der Liturgie oder einfach im stillen Gebet. Auf dieser Suche helfen auch viele Wegweiser: Gebetbücher, theologische und geistliche Literatur, geistliche Begleitung, Exerzitien oder die Stimme des eigenen Herzens. Das ist gut und richtig so, denn Jesus selbst ermutigt: „Sucht und ihr werdet finden.“ (Mt 7,7) Doch die jüdisch-christliche Tradition kennt auch die entgegengesetzte Bewegung, die in der persönlichen Spiritualität manchmal in Vergessenheit gerät.

Die Bibel erzählt nicht nur von Menschen, die Gott suchen, sondern von einem Gott, der die Menschen sucht. Bei der Erschaffung des Menschen macht Er ihn zu seinem Partner, will einen Dialog mit ihm, begleitet ständig sein Volk, sucht das verlorene Schaf. Abraham Joschua Heschel spricht von jener Stimme im Herzen, die noch die Frage aus dem Paradies nachklingen lässt: „Adam, wo bist du?“ Vor diesem Ruf kann man sich wie Adam verstecken oder wie Samuel antworten „Hier bin ich.“ (1 Sam 3,3f)

Nirgendwo ist die Suche Gottes nach dem Menschen spürbarer geworden als in der Krippe von Betlehem. Er selbst wird ein Mensch. Dort wird Gott einer von uns, um unter uns, mit uns und für uns da zu sein. Die Krippe zeigt aber auch eine andere Seite dieser Suche: Eine Krippe im Stall in einem Dorf am Rande des Weltimperiums ist unscheinbar. Um sie zu finden, muss man sich aufmachen und in Bewegung setzen: sich selbst bemühen und sich dabei leiten lassen. Wie die drei Weisen, die einem Stern gefolgt sind.

Der Advent, d. h. die Zeit der Erwartung auf das Kommen des Herrn, sowie der Aufbruch ins Neue Jahr bieten die Möglichkeit, sich wie die drei Könige auf den Weg zu machen. Auf diesen Weg rief auch Papst Franziskus am Anfang seines Pontifikats: „Ich lade jeden Christen ein, gleich an welchem Ort und in welcher Lage er sich befindet, noch heute seine persönliche Begegnung mit Jesus Christus zu erneuern oder zumindest den Entschluss zu fassen, sich von ihm finden zu lassen, ihn jeden Tag ohne Unterlass zu suchen.“

Wir dürfen uns also von dem suchenden Gott finden lassen und zugleich selbst mutig auf den Weg begeben. Diese Suche freilich soll nicht allein die innere, spirituelle Sehnsucht stillen, meint Franziskus weiter, sondern muss immer den Nächsten im Blick haben. Die Frage „Wo bist du“, so der französische Philosoph Emmanuel Levinas, richtet Gott auch durch jeden bedürftigen Menschen an uns. „Sucht aber zuerst sein Reich und seine Gerechtigkeit; dann wird euch alles andere dazugegeben.“ (Mt 6,33)

„Fragt nach dem Herrn und seiner Macht, sucht sein Angesicht allezeit!“ (Ps 105,4) Die Gott-Suche – in der Gewissheit, dass Er uns zuvorkommt – ist die Grundbewegung eines christlichen Lebens. Suchen und Gesucht-Werden – darin drückt sich nicht nur individuelle Spiritualität aus, sondern auch die Sorge um den Nächsten. Darüber hinaus zeigt die Suchbewegung, dass ein Christ nie im Besitz der ganzen Wahrheit ist. Sie korrigiert falsche Selbstsicherheiten und hat kritisches Potenzial gegenüber jeglichen Fundamentalismen und allzu schnellen, viel zu einfachen Antworten auf komplexe Probleme und Fragen. Wo hingegen Unwegsamkeit droht, erweist sich das Christsein als ein gangbarer Weg der Hoffnung: auf Finden und auf Gefunden-werden.


Erstveröffentlichung: Kirchen im Zentrum 2019.

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