Fundamentaltheologie. Verantwortung der christlichen Hoffnung

Die Fundamentaltheologie ist für die TeilnehmerInnen des Theologischen Kurses zunächst einmal ein Fach, von dem sie zumeist noch nie zuvor gehört haben. Auf die Eingangsfrage „Was hätten Sie gestern geantwortet, wenn Sie jemand gefragt hätte, worum es in der ,Fundamentaltheologie‘ (die zumeist am Kursbeginn vorgetragen wird) gehen könnte?“ werden am häufigsten Assoziationen wie „Fundamente“, „Grundlagen“ oder – mit einem gewissen Schmunzeln – auch „Fundamentalismus“ genannt. Das Stichwort „Grundlagen“ klingt gut. Aber sind die Grundlagen der christlichen Rede von Gott nicht der persönliche bzw. überlieferte Glaube, die Bibel oder die existenzielle Erfahrung Gottes? Was könnten da abstrakte Reflexionen über „Grundlagen“ noch hinzufügen? In gewisser Weise steht mit der Frage, worum es in der Fundamentaltheologie geht, auch die allgemeinere Frage im Raum, wozu es überhaupt eine akademische Theologie braucht.

Eine erste Antwort findet sich, sobald das sogenannte „Motto“ aller Theologie, ein Vers aus dem Ersten Petrusbrief (Ende 1. Jh.), näher unter die Lupe genommen wird: „Seid stets bereit – jedem gegenüber – ,Rede und Antwort zu stehen‘, wenn jemand nach der Hoffnung fragt, die in euch ist“ (1Petr 3,15). Liest man den Vers im Original, so ist schnell zu erkennen, dass mit dem Rede-und-Antwort-Stehen im damaligen Kontext keine freundschaftlich Erläuterung gemeint war, sondern vielmehr eine „Verteidigungsrede“ (griech. apologia), also eine Rechtfertigung wie gegenüber einer Anklage vor Gericht: „Wieso seid ihr (Christen) nicht so wie alle anderen?“

Dieser schon früh formulierte Leitgedanke fordert also dazu auf, eine „Hoffnung“, die mit dem Glauben verbunden ist, Menschen verständlich zu machen, die diesen Glauben und diese Hoffnung offensichtlich nicht schon teilen. Diese Aufgabe würde auch noch heute zum Christsein gehören. Doch warum ist das so? Ist der Glaube nicht letzten Endes meine persönliche Privatsache? Was hat mein Glaube mit meiner Umgebung zu tun? … Und schon ergeben sich höchst aktuelle Fragen, die heute in einer „weltlich gewordenen Welt“ und ihren Herausforderungen für das menschliche Zusammenleben von großer Brisanz sind – nicht nur innerhalb der Religion selbst, sondern auch darüber hinaus in den Bereichen der Ethik und der Politik. Haben mein persönlicher Glaube und die Zukunftserwartung (Hoffnung), die ich daraus ziehe, vielleicht auch eine gesellschaftliche Bedeutung, für die ich öffentlich einstehen müsste, wenn man 1Petr 3,15 ernst nimmt? Worum geht es eigentlich genau beim christlichen Glauben? Und wie lässt sich ein „Glaube“, der eine bestimmte „Hoffnung“ hat, nach außen hin verständlich machen?

Damit liegen die wichtigsten Fragen der Fundamentaltheologie bereits auf dem Tisch. Um meinen Glauben anderen gegenüber vermitteln zu können, um plausibel zu machen, wieso ChristInnen sich aktiv in den Lauf der Welt einmischen und sie im Namen einer Gotteserfahrung zu verändern versuchen, die das Leid und die Not der Menschen ernst nimmt – dazu muss ich mich zunächst einmal selbst fragen: Was glaube ich eigentlich? Worum geht es im christlichen Glauben? Der Glaube ist offensichtlich bereits von der Bibel her aufgefordert, sich selbst und anderen gegenüber auf verständliche Weise Rechenschaft zu geben. Dafür möchte die Fundamentaltheologie einen ersten Zugang und Überblick vermitteln.

Aufbau und Inhalt der Fundamentaltheologie

Traditionell geht die Fundamentaltheologie gewissermaßen von „außen“ nach „innen“ vor, also von ganz allgemeinen Überlegungen zum Verständnis von Religion hin zu den Spezifika christlichen Gemeinschaftslebens. Auch im Theologischen Kurs wird dieses Fach in seiner geschichtlich gewachsenen Dreiteilung in drei Abhandlungen („Traktaten“) studiert.

Der Traktat „Religion“

In einem ersten Schritt wird die Frage gestellt, was eine Religion ausmacht bzw. wie bestimmt werden kann, wann etwas als „Religion“ bezeichnet werden kann. Thematisiert wird dabei auch die in der Geschichte immer wieder auftauchende Kritik an religiösen Ausdrucksformen. Schon im Alten Testament kritisierten die Propheten – und später auch Jesus selbst – immer wieder die herrschende Gestalt ihrer Religion; Philosophen entlarvten allzu bildhafte Vorstellungen des Göttlichen als Illusion; und in der Neuzeit prangerte die Religionskritik im Namen der Freiheit des Menschen all jene Zwangs- und Unterdrückungsmechanismen an, die mit scheinbar religiösen Argumentationen aufrechterhalten wurden.

Vor diesem Hintergrund ist es gerade heute – in einer säkularen Welt – notwendig, auch das kritische und befreiende Potenzial der biblischen Religion und des biblischen Gottesglaubens sichtbar werden zu lassen. Der Gott der biblischen Religion macht es nicht nur möglich, in seinem Namen all jene Herrschaftsverhältnisse zu entlarven, die den Menschen knechten, sondern zeigt darüber hinaus, wie ein Zusammenleben gelingen kann, das nicht auf menschliche Autorität und Herrschaft gegründet ist. Die biblische Religion eröffnet und benennt eine Gottesbeziehung, die in der Geschichte erfahrbar und wirksam geworden ist und in der der Mensch noch heute für sein Engagement in der Welt und für andere Menschen einen Rückhalt findet. Erst dort, wo der geschichtlich wirksame Gott im Zentrum steht, wird der Blick für die Überwindung gesellschaftlicher Zwänge frei. Ziel dieses Traktats der Fundamentaltheologie ist es, die (biblische) Religion als eine „erlösende Beziehung zu Gott“ verstehbar und vermittelbar werden zu lassen.

Der Bezug zu anderen theologischen Fächern (I)

Die Fundamentaltheologie nimmt im Traktat „Religion“ viele Erkenntnisse der Religionswissenschaft über die Eigenheiten und Schwierigkeiten der Bestimmung von Religion auf. Zugleich beschäftigt sie sich aber auch mit der philosophischen Frage nach der Möglichkeit, überhaupt von so etwas wie „Gott“ sprechen zu können. Auch die Religionskritik gehört in den Bereich des philosophischen Denkens.

Das fundamentaltheologische Fragen nach dem Verständnis des christlichen Glaubens muss dabei einen beachtlichen  Spagat wagen – nämlich zwischen einer philosophisch-vernünftigen Bestimmung (oder Kritik) des Gottesglaubens und einem geschichtlichen Gottesverständnis, das die Vernunft immer wieder neu herausfordert, jene Erfahrungen und deren Hintergründe zu verstehen, die religiöse Menschen mit ihrer ganzen Existenz bezeugen.

Der Traktat „Offenbarung“

Der zweite Themenbereich der Fundamentaltheologie kreist nicht mehr um ein allgemeines Verständnis von Religion, sondern bereits um eine spezifisch christliche Frage: Wie lässt sich verstehen, dass sich Gott in der Geschichte „offenbart“ hat und diese Offenbarung heute noch von Bedeutung ist? Am Beispiel der Botschaft und des Wirkens Jesu wird aufgezeigt, welche besondere Gotteserfahrung in der Begegnung mit seinem Auftreten Wirklichkeit geworden ist. So hat Jesus von Nazaret nicht einfach das künftige „Reich Gottes“ mit Worten angekündigt, sondern er hat zugleich in seinen Taten aufgezeigt, auf welche Weise diese Zukunftshoffnung bereits im Hier und Jetzt das Zusammenleben verändert. So etwa wird im gemeinsamen Essen mit Zöllnern, Sündern, Prostituierten und anderen Ausgestoßenen der damaligen Gesellschaft die bestehende Situation dieser Menschen verändert und der Anfang eines neuen Zusammenlebens ermöglicht. Nun liegt es an den Menschen selbst, diese Zuwendung aufzugreifen und ihr Leben und ihre Begegnungen mit anderen Menschen diesem neuen Horizont entsprechend zu gestalten. Der Kreuzestod Jesu ließ sein heilvolles Wirken zunächst als bloß kurzfristige Episode erscheinen. Doch im nachösterlichen Bekenntnis von der Auferstehung wurde von denen, die sich nun als „Christen“ verstanden (gr. christós = hebr. maschiach, Messias), die Erfahrung mit Jesus endgültig als Gottesoffenbarung bezeugt: Der Tod hatte nicht das letzte Wort gehabt. Diese Botschaft führte zu einem neuen Mut, die Welt im Namen dieser Gotteserfahrung neu zu sehen und entsprechend zu verändern. Die daraus entstehende christliche „Theologie“ versucht letztlich nichts anderes, als aus dieser Erfahrung die Konsequenzen zu ziehen.

Der Bezug zu anderen theologischen Fächern (II)

Am Traktat „Offenbarung“ wird die besondere Arbeitsweise der Fundamentaltheologie sichtbar. Zum einen ist sie auf die Ergebnisse der Bibelwissenschaft, insbesondere auf die Exegese der Evangelien angewiesen: Was lässt sich an den Texten über das historische Wirken Jesu ablesen? Was wollen die Texte, die ja aus nachösterlicher Sicht auf den historischen Jesus zurückblicken, sonst noch sagen? Wie deuten sie die Worte und Taten Jesu? – Zum anderen tritt die Fundamentaltheologie auch einen Schritt zurück und versucht den „roten Faden“ zu erkennen und zu vermitteln, der die vielen Einzelerfahrungen und -ereignisse miteinander verbindet. Was bedeutet das Auftreten und Wirken Jesu, sein Tod und seine Auferstehung, für das Gesamtverständnis der Offenbarungs- und Heilsgeschichte Gottes? In diesem Sinne bereitet die Fundamentaltheologie jene Fragestellungen vor, die später in der Dogmatik bzw. in der Geschichte der Kirche systematisch reflektiert werden und zur Grundlage der christlichen Gemeinschaft der Kirche und ihrer Praxis im liturgischen Feiern werden.

Der  Traktat „Kirche“

Der abschließende Traktat zum Thema Kirche entfaltet die Konsequenzen, die die ersten ChristInnen und danach die gesamte Geschichte der christlichen Gemeinschaft aus der Begegnung mit Jesus und insbesondere der Ostererfahrung gezogen haben. Zwei Aspekte stehen dabei im Zentrum: Erstens die Frage, worin die Kontinuität der nachösterlich entstehenden Kirche zum vorösterlichen Wirken Jesu und zur Erfahrung von Tod und Auferstehung bestehtund zweitens, worin die Besonderheit des christlichen Kirchen- und Gemeinschaftsverständnisses liegt. Die erste Frage wird wiederum mit Hilfe der biblischen Aussagen des Selbstverständnisses der frühen Christen beantwortet. Die zweite Frage bündelt sich in der Formulierung des Apostolischen Glaubensbekenntnisses aus dem 4. Jahrhundert: „Wir glauben an die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche“. An diesen vier „Kennzeichen der Kirche“ (lat. notae ecclesiae) lässt sich nicht nur die spezifische Gottesbeziehung erläutern, die das christliche Kirche-Sein prägt, es lässt sich damit auch ein positives Verständnis von kirchlichem Amt und der institutionellen Gestalt der Kirche vermitteln. Damit ist außerdem ein Kriterium benannt, dass Missstände in der Entfaltung des Kirche-Seins nicht nur aufzudecken hilft, sondern auch eine Orientierung für eine künftige Entfaltung der christlichen Gemeinschaft gibt – gemäß dem Leitwort ecclesia semper reformanda, das heißt dem Wissen darum, dass die Kirche stets neu zu reformieren ist.

Im Traktat „Kirche“ weist die Fundamentaltheologie auch über eine konfessionelle Engführung des Kirche-Seins hinaus. So darf die Suche nach einer ökumenischen Gemeinschaft der christlichen Kirchen nicht nur den Charakter des höflichen Respekts voreinander haben, sondern ist für das christliche Verständnis der „einen Kirche Jesu Christi“ unverzichtbar. Außerdem meint die „Katholizität“ der Kirche nicht einen Anspruch einer einzelnen Konfession, sondern die christliche Überzeugung, dass der Gott der Bibel ein Gott aller Menschen ist. Es gehört somit zum Selbstverständnis des christlichen Glaubens und der daraus resultierenden kirchlichen Gemeinschaft, diese Universalität des biblischen Gottes sowohl gegenüber den christlich Getauften als auch gegenüber Menschen anderer Religionen und Kulturen sichtbar werden zu lassen.

Vom Nutzen der Fundamentaltheologie

Im Theologischen Kurs wird die Fundamentaltheologie zumeist als eines der ersten Fächer vorgetragen und hat daher den Charakter einer Einführung oder eines Überblicks über zentrale Themen des christlichen Glaubens. Den KursteilnehmerInnen wird auf diese Weise gleich zu Beginn ein „roter Faden“ zu vermitteln versucht, der die geschichtliche Entstehung des christlichen Glaubens sowie wichtige Konsequenzen für das christliche Zusammenleben als Gemeinschaft und als Kirche mit einer Reflexion auf den eigenen gelebten Glauben verknüpft : Wie kann ich meinen Glauben vor mir selbst und vor anderen verantworten und vermitteln?


Erstveröffentlichung: theologie aktuell. Die Zeitschrift der THEOLOGISCHEN KURSE, Sonderheft / 31. Jh. 2015/16, S. 48-52.

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