Gott und der Virus

Beitrag von Jörg Phil Friedrich, Münster

Die Corona-Pandemie ruft für Menschen, die an einen Gott glauben, eine alte Frage in Erinnerung: Wie ist es möglich, dass ein Gott, der die Welt in ihrer Vielfalt einschließlich der Menschen geschaffen hat, und der es auch noch in irgendeinem Sinne gut mit diesen Menschen meint, Krankheiten und Leiden zulässt, die für uns Menschen gefährlich werden und nicht nur das Leben einzelner, sondern sogar unsere Kultur und unsere Zivilisation gefährden? Philosophisch stellt sich die Frage, ob eine Gottesvorstellung plausibel sein kann, in der Gott den Menschen als seine Schöpfung will und liebt und ihn zugleich Gefahren aussetzt, die der Mensch nicht selbst verursacht hat.

Für die philosophische Betrachtung scheiden allzu simple Antworten aus: Ein Gott, der den Menschen strafen will für Missetaten und deshalb mit Krankheiten plagt, ist nicht nur philosophisch uninteressant, er ist auch hochgradig unplausibel: Warum sollte Gott die Menschen ohne Unterschied für irgendein Vergehen an seiner Schöpfung strafen, ohne zugleich die zu schützen, die unschuldig sind und sogar in seinem Sinne handeln? Zudem ist die Idee der göttlichen Strafe ohnehin unplausibel, wenn wie annehmen, dass Gott uns auch im schlechten Handeln als seine Geschöpfe ansieht, deren Fähigkeit zu freiem Handeln – auch vermeintlich gegen seinen Schöpfungsplan – er ja selbst gewollt und geschaffen hat.

Noch uninteressanter ist die Vorstellung von einem Gott, dessen Wege und Handlungen für uns Menschen nun einmal unergründbar sind, woraus folgen würde, dass wir einfach nicht wissen können, was Gott damit bezweckt, dass er uns mit Viren gefährdet und Unschuldige tötet. Diese Gottes-Idee ist nicht nur uninteressant, weil sie gar keine denkende Auseinandersetzung mit Gott zuließe, sie ist ebenso unplausibel: Denn dass ein plausibler Gott uns nicht nur als freie Wesen, sondern auch als vernünftige Geschöpfe  gewollt hat, die in der Lage sind, seine Schöpfung und die Geschehnisse darin zu verstehen, liegt ebenso auf der Hand: die Erfolge der Wissenschaften, der Medizin und der Technik sind Beweise genug.

Ein plausibler Gott schafft eine Welt, die sein vernünftiges Geschöpf verstehen kann. Er hat diese Welt geschaffen als ein sich entwickelndes Universum, das Gesetzen gehorcht, nach denen es nach und nach komplexer wird und als dessen jüngste Geschöpfe unter anderem die Menschen entstanden sind. Der Prozess der Evolution und die Schöpfung durch den plausiblen Gott sind dasselbe. Der Mensch als verständiges, schöpferisches Geschöpf ist in der Lage, diese Gesetze zu verstehen und auf der Grundlage seines Verständnisses selbst schöpferisch zu werden.

Wenn wir dieses Verständnis von einem plausiblen Gott und seiner Schöpfung ansetzen, wird vorstellbar, dass das, was wir heute Viren nennen, im Prozess der Schöpfung eine Funktion hatte, die nötig war, damit die Welt so entstehen konnte, wie sie heute ist. Die Wissenschaften sind grundsätzlich in der Lage, diese Funktionen zu verstehen, und es gibt bereits verschiedene Theorien dazu, die uns hier nicht genau nachvollzogen werden können.

Man könnte fragen, warum dieser Gott die Viren nicht einfach wieder beseitigt hat, nachdem sie ihre Funktion im Schöpfungsplan erfüllt hatten und bevor sie für die Menschen gefährlich werden konnten. Dem stünde aber entgegen, dass der Mensch diese Welt ja verstehen können, dass er Gottes Schöpfungsplan als Evolutionsgeschichte in Gesetzen erfassen und erkennen können soll. Eine Welt, in der wichtige Funktionsmechanismen verschwinden, sobald sie für uns, die wir ja auch Teil der Natur und der Schöpfung sind, gefährlich werden, bliebe als ganzes unverständlich. Das, was für eine biologische Spezies gefährlich ist, hat bekanntlich doch immer im gesamten Ökosystem eine Funktion. Es hieße, den Menschen ganz aus dem natürlichen Geschehen herauszuhalten, wenn diese Tatsachen für ihn nicht gelten würden.

Dagegen ließe sich einwenden, dass ein plausibler Gott, der es gut mit uns meint, die Gesetze seiner Schöpfung doch so eingerichtet haben könnte, dass sie verständlich und dennoch ungefährlich für uns sind. Das ist allerdings eine Sicht auf die Schöpfung, die den Menschen zu sehr als Ziel und Krönung des ganzen Prozesses ansieht. Ein plausibler Gott liebt seine gesamte Schöpfung, nicht nur den Menschen, sondern auch die Tiere, die ebenso krank werden und leiden, letztlich, so merkwürdig das zunächst klingen mag, liebt dieser Gott ja sogar die Viren, die eine bestimmte, uns noch nicht ganz verständliche, Funktion im Schöpfungsplan hatten und womöglich auch noch haben. Wir können das, da wir dem plausiblen Gott wenn auch in den Grenzen unserer Endlichkeit, ähnlich sind, sogar nachvollziehen: Wer sich wissenschaftlich mit den Erhaltungs- und Ausbreitungsmechanismen der Viren beschäftigt, wird eine gewisse Begeisterung und Faszination verspüren, wenn er sieht, wie ein Virus funktioniert. Diese Begeisterung erreicht nebenbei gesagt sogar unsere moderne Alltagswelt, wenn wir staunen, wie ein Video, ein Bild oder eine Meldung „viral geht“.

Das mag angesichts von Leid und Tod von erkrankten Menschen vielleicht zynisch klingen. Wir müssen uns aber, wenn wir über einen plausiblen Gott nachdenken, von der alten Vorstellung verabschieden, dass die Menschen das einzig wichtige, zentrale Ergebnis und sozusagen der Schlussstein der Schöpfung sein sollen. Für einen plausiblen Gott ist seine Schöpfung ein Gesamtwerk, von dem wir ein Teil sind und nicht das einzige letztlich gewollte Ergebnis.

Dennoch dürfen wir annehmen, dass ein plausibler Gott es besonders gut mit uns meint, und das gilt nicht trotz der Gefahren und des Leides, denen er uns mit seiner Schöpfung aussetzt, vielmehr sind diese Situationen es, die die Liebe dieses Gottes zu den Menschen gerade sichtbar machen. Denn uns Menschen hat er die Fähigkeit gegeben, nicht stumpf und unverständig nur zu leiden, sondern dem Leid aktiv zu begegnen. Uns hat er mit der Vernunft ausgestattet, zu verstehen, wie wir uns vor den Viren schützen können, durch alltägliche Regeln, die wir finden und beherzigen können, und durch wissenschaftliche Forschungen, die uns vor den Gefahren schützen können.

Mehr noch: wenn wir einen plausiblen Gott denken, der uns als freie, schöpferische Geschöpfe geschaffen hat, dann hat er uns auch Fähigkeiten gegeben, das Leid einzelner zu mildern und erträglich zu machen: Er hat uns mit Empathie, mit gegenseitiger Zuneigung, mit der Fähigkeit zur Hilfsbereitschaft versehen. Von einem Gott, der seine Geschöpfe so schafft, dass sie fähig sind, einander in Not und Leid beizustehen und auch in schwierigen Zeiten Orte und Zeiten der Freude und der Schönheit zu finden, kann man nicht sagen, dass er es nicht gut mit den Menschen meint.


Jörg Phil Friedrich veröffentlichte 2019 das Buch „Der plausible Gott. Welche Erfahrungen sprechen für die Existenz eines Gottes, und was kann man über diesen Gott sagen?“ 

Weitere Informationen finden Sie auf der Webseite des Herder-Verlags. [LINK]

Homepage des Autors: jörg-friedrich.de

 

 


Diskussion von Jörg Phil Friedrich und Frank Meier-Hamidi in der Akademie Franz Hitze Haus:

 


 

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