(Nicht nur) Ostern 2020

„In ihm leben wir … bewegen wir uns und sind wir.“ (Apg 17,28) So umschreibt Paulus in Athen die ebenso unverfügbare wie gewisse Nähe Gottes zu seiner Schöpfung. Auch besteht kein Zweifel daran, dass diese von Menschen individuell erfahren und beantwortet werden kann. Doch: Wozu dann die liturgische Versammlung? Gibt es denn ein Darüber-hinaus in der personalen Beziehung zwischen Gott und Mensch? In diesen Tagen, die aus Sorge umeinander paradoxerweise vom „social distancing“ geprägt sind, stellt sich die Frage nach dem gemeinschaftlich gefeierten Gottesdienst drängender als sonst und lädt zur Vergewisserung darüber ein, was wir zu tun gewohnt sind, jetzt aber entbehren müssen – und, was (zwar weniger gewohnt) jetzt umso mehr zu tun geboten wäre.

Liturgie: Uns zum Heil und dir zum Ruhm

Liturgie ist jener „heilige“ (vorbehaltene) Ort, an dem Gott sich seinem Volk, das sind alle (konkret: die anwesenden) Getauften, kommunikativ vergegenwärtigt und mitteilt. Gott ruft die Gläubigen zusammen und stiftet ihre Gemeinschaft „vor seinem Angesicht“. Sein Ruf lässt sie in eine dialogische Begegnung eintreten: in Wort und Antwort, Zuspruch und Annahme, Anspruch und Entsprechung; in Verkündigung und Gebet sowie dem lobpreisenden Empfang von Gabe und Aufgabe. Dies ist Gottes Dienst an der Gottesdienst-Gemeinde. Diese wiederum tut ihren Dienst vor Gott, indem sie ihn in „Wort und Tat“ öffentlich bekennt und verehrt. Im Hier und Jetzt ist die liturgische Versammlung das Realsymbol all derer, die Gott bis ans Ende der Zeiten erkennen, anerkennen und vor ihm erscheinen (werden). In ihr manifestiert und konkretisiert sich Gottes Heilshandeln an allen von ihm geschaffenen und erlösten Geschöpfen auf dem Weg zur Vollendung. Deshalb spricht die Liturgiekonstitution davon, dass sich im gottesdienstlichen Handeln der ganzen Gemeinde die „Heiligung des Menschen“ und die „Verherrlichung Gottes“ ereignet („vollzieht“; Art. 2.5). Dieses österliche „Werk unserer Erlösung“ gibt Gott die Ehre; und auch wir empfangen und bedanken es „durch Christus und mit ihm und in ihm“.

Vielfältige Oster-Feiern im Rhythmus der Zeit

Und das keineswegs nur, wenn auch spezifisch sinnenfällig, in der Eucharistiefeier. Denn „die“ Liturgie der Kirche, von der das Gesagte uneingeschränkt gilt, wird in sehr unterschiedlichen Gottesdienstformen und Zeitrhythmen gefeiert: im Rhythmus der Woche (Sonntag), des Tages (v. a. Morgen und Abend) und des Jahres (Festkreise und Jahreskreis): jede einzelne Form, ob als Feier der Tagzeiten, des Wortes Gottes oder der Sakramente im engeren Sinn, gründet im „Pascha-Mysterium“ (Leiden, Sterben und Auferstehen) Jesu Christi. Nicht „Ostern“ entfällt deshalb heuer (und auch viele österliche Erfahrungen können gemacht werden: in der Gesundung nach Krankheit, beim Anbruch eines strahlenden Morgens, wenn „tote“ Bäume junges Grün tragen …). Abgesagt wurde die Jahresfeier von Ostern – und, bis auf weiteres, das sonntägliche Wochenostern.

Das Pascha Christi prägt jedoch auch den täglichen Gottesdienst der Kirche. Wer allein, zu zweit oder dritt Tagzeitenliturgie (Stundengebet) feiert, gedenkt in der abendlichen Vesper der Hingabe Christi am einsamen „Abend“ seines Lebens, übt sich vor dem Zubettgehen in der Komplet mit ihm ins eigene Sterben ein (ars moriendi) und hofft, am nächsten Morgen beim Erwachen und Aufstehen aus dem (Todes-)Schlaf erneut das Lob des Auferstandenen zu singen.

Trauermetten und Ostervesper

Tag für Tag also wird es im Stundengebet „Ostern“. In der Hohen Woche an den Drei (vor-)Österlichen Tagen sogar auf ganz außerordentliche Weise, nämlich in den als „Trauermetten“ (volkstümlich „Pumpermetten“) bekannten Tagzeiten (Horen) „Vigil und Laudes“. Auch wer die Hauptgottesdienste am Hohen Donnerstag und Karfreitag mitfeiert, in diesen Horen bereits am frühen Morgen tief in die Dramatik des Erlösungsgeschehens ein. Erst recht gilt das für den Karsamstag – bis zum Anbruch der nächtlichen Paschavigil – ohne weiteren Gottesdienst. Das Stundenbuch hält an diesen Tagen ebenfalls Vesper und Komplet bereit und zwar ausdrücklich nur für jene, die nicht (!) an den Hauptgottesdiensten teilnehmen können. Am Ostermorgen schließlich zeigt sich der die ganze Quadragesima hindurch täglich ersehnte „Tag, der unsre Freude ist, der Tag, der uns mit dir versöhnt“ (aus dem Laudes-Hymnus der 40-Tage-Zeit) endlich gekommen als „dies ist der Tag, den der Herr gemacht hat“ (Ps 118,24): „Der Morgen rötet sich und glüht, der ganze Himmel tönt von Lob“, denn „schon werden alle Klagen stumm, in Freude wandelt sich der Schmerz …“ (aus dem österlichen Laudes-Hymnus). Die Ostervesper bekennt freudig die Erhöhung des Gekreuzigten: „ So spricht der Herr zu meinem Herrn: Setze dich mir zur Rechten.“ (Ps 110,1) – Und wir? Wir erwarten, dass sich – in einigen Wochen, vielleicht Monaten – neu bewahrheitet, was der Vesperhymnus den Getauften feierlich verkündet: „Zum Mahl des Lammes schreiten wir, mit weißen Kleidern angetan …“ – Vielleicht würden uns manche dieser zig-tausendfach erklungenen Worte zur neu empfundenen persönlichen Erfahrung?

In und mit der Welt (?)

Was also bleibt in diesen außergewöhnlichen Tagen vom Gottesdienst der Kirche? Versammlung und Öffentlichkeit sind in der üblichen Form verwehrt. Sie müssen als (bisher?) maßgebliche Kriterien für den Gottesdienst der Kirche wohl auch für gestreamte Messen und Feiern „hinter“ verschlossenen Türen (die dennoch in gewisser Weise weltweit „zugänglich“ sind) erst noch theologisch redlich reflektiert werden. Vieles wird neu zu denken sein: was genau ist „physisch-leibliche Präsenz“, was „real“, was „virtuell“? Was „wesentlich“ und was kontingent? Das muss nicht heute geschehen, und man wird aus den Erfahrungen dieser Krise lernen (können).

Wäre überdies das „eucharistische Fasten“ nicht ein ehrliches Eingeständnis der jetzigen Aporie (Weglosigkeit) und zudem solidarisch mit vielen nicht nur coronabedingt eucharistisch ausgehungerten Gemeinden? Damit würde zugleich das heikle, aber   virulente Thema jenes Klerikalismus berührt, der auch in den offiziell empfohlenen Krisen-Feier-Modellen fast durchwegs erkennbar ist: Dass Gottesdienst prinzipiell und völlig selbstverständlich immer noch vom Priester und (nur?) „seinem Recht, Gottesdienst zu feiern“ her konzipiert wird. Immerhin: Was hier ans Licht kommt, kann darin auch sorgfältig betrachtet und – vielleicht – verändert werden.

Für den täglichen Gottesdienst zu zweit oder zu dritt (und notfalls allein) hält die Tagzeitenliturgie immer und in der Hohen Woche zumal alles Nötige bereit. Kleriker und Ordensleute sind ohnehin zum Stunden- oder Chorgebet verpflichtet (warum aber beten es die meisten Priester lieber alleine als in der Kirche?) – und vielen Gläubigen ist das kleine Stundenbuch (oder die entsprechende Handy-App, eventuell auch die im Gotteslob enthaltenen Feiermodelle für Morgen- und Abendlob) ein längst vertrauter Begleiter. Selbst im Wohnzimmer still oder laut gebetet, beziehen die darin formulierten Bitten und Fürbitten am Morgen und Abend die in der Nähe und in der Ferne Leidenden, Einsamen und Sterbenden als „Nächste“ in die Gemeinschaft mit ein.

Und es darf Neues versucht werden: Wie der Priester in Neapel, der vom Flachdach einer Siedlung aus mit den BewohnerInnen ringsum (Wortgottesdienst?) feiert, haben hierzulande für die Umgebung sichtbar im Fenster brennende Kerzen, wo gerade gebetet und gesungen wird (vielleicht um 20.00 Uhr das Vaterunser, wozu die christlichen Kirchen gemeinsam aufrufen) ebenso eine Öffentlichkeit wie die an der Pestsäule am Wiener Graben angebrachten Gebete um das Ende der Plage und die dort entzündeten Lichter oder konzertiertes Glockengeläut zum Trost einer in Stille verharrenden Stadt.

 DDr. Ingrid Fischer

HINWEIS: Die Texte der Tagzeitenliturgie finden Sie auf: https://www.stundengebet.de/jetzt-beten/#gebet

Unter dem Logo „Das digitale Stundenbuch“ muss man den entsprechenden Tag aussuchen (z.B. für Gründonnerstag „Donnerstag, den 09. April 2020“) und darunter die entsprechende Hore wählen: Für die angesprochenen Trauermetten wählen Sie die „Lesehore“ (zweite von links), für das Morgengebet „Laudes“, das Abendgebet „Vesper“ und das Nachtgebet „Komplet“. Das Stundenbuch ist auch als eine Smartphone-App für Android und Apple erhältlich.


Dieser Text wurde in einer gekürzten Version am 31.03.2020 veröffentlicht: https://www.erzdioezese-wien.at/site/glaubenfeiern/imkirchenjahr/ostern/article/82168.html

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