Die aufgehobene Tradition der vorösterlichen Tagzeitenliturgie

Benediktinische „Trauermetten“ nach der Liturgiereform*

Die römisch-monastischen Tenebrae haben in der heutigen Liturgia Horarum eine aus der älteren Tradition gewonnene, aber vor dem Hintergrund ihrer mehr als tausendjährigen Geschichte dennoch frappierend neue Feiergestalt gefunden.[1] Wiederum völlig anders konzipiert das Benediktinische Antiphonale von Münsterschwarzach die in der Bewahrung und Modifikation doppelt aufgehobene Tradition (1); es profilieren sich also aus der jeweils charakteristischen Relation von Kontinuität und Innovation zwei strukturell und theologisch unterschiedlich akzentuierte Feiern des einen Pascha-Mysteriums Christi. Nach einem Seitenblick auf einen dritten, gemischten Feiertyp im Monastischen Stundenbuch von St. Ottilien (2) werden abschließend die wichtigsten Ergebnisse zusammengefasst (3).

1 Das Benediktinische Antiphonale

Das Benediktinische Antiphonale I–III (1996) wird von den Herausgebern der Abtei Müns­ter­schwarzach als „unsere Applicatio der Rahmenordnung des Thesaurus Liturgiae Ho­rarum Monasticae[2] vorgestellt. In Überarbeitung der Vorgängerausgaben der Jahre 1969 bis 1974[3] – in diesen Jahren geschah die eigentlich bahnbrechende Erneuerung der Tagzeiten­litur­gie, die bis 1996 zwar revidiert, aber nicht mehr wesentlich verändert wurde – beab­sich­tigt die Neuausgabe, „das heute und jetzt Erreichbare und Verantwortbare zu tun, um die ge­sun­gene Feier des Gotteslobs in der Muttersprache zu ermöglichen“[4], welche die All­ge­meine Einführung in das Stundengebet als wesensgemäßen Vollzug „nachdrücklich“ empfiehlt.[5]

Die aktuelle Textfassung der Psalmen und Cantica des Benediktinischen Antiphonale (BA) entstand zwischen 1986 bis1990 mit dem Ziel, „hohe philologische und exegetische Verläßlichkeit und möglichst gute Singbar­keit“[6] zu gewährleisten.[7] Die Psalmenverteilung folgt dem von Not­ker Füglister erarbeiteten Schema[8] und ist Teil von dessen umfassendem Entwurf zur Erneuerung des Stundengebets, „der die Zahl, den Umfang und teilweise auch den Aufbau der Horen neu konzipierte – im Respekt vor den Werten einer kostbaren Tradition, aber auch im Blick auf die Gegebenheiten der Gegenwart und in Sorge um die Wahrhaftigkeit unseres Be­tens.“[9] Der 2001 erschienene Auszug Benediktinisches Antiphonale. Das Stundengebet vom Gründonnerstag bis zum Ostersonntag (Münsterschwarzach: Vier Türme) gibt feiernden Gemeinden eine benutzerfreundliche und erschwingliche Ausgabe für das komplette (alte und neue) Triduum mit allen Horen in die Hand.[10]

1.1 Archaische Feiergestalt

Die an den vorösterlichen Tagen konsequent auf die elementaren Vollzüge von Psalmodie, Lesungen/Responsorien und Oration beschränkte Feierstruktur der Trauermetten geht mit der ältesten Tradition konform: „Die Gebetszeiten beginnen unmittelbar mit der Antiphon zum ersten Psalm und schließen mit der Ora­tion. Es entfallen alle Doxologien, die Benediktionen, das gesungene Vaterunser und die Einleitungs- und Schlußformeln der Orationen. In allen Horen entfällt der Hymnus. In der Vigil wird kein Invita­torium, in den Laudes kein Responsorium und kein Versikel, in der Mittagshore kein Responsorium gesungen.“[11]

1.2 Neu ausgewählte Psalmen: Ein Bruch mit der Tradition?

Anders die Auswahl und Zusammenstellung der Psalmodie: Der dem Benediktinischen Antiphonale zugrundeliegende Entwurf eines deutschen monasti­schen Offiziums von Notker Füglister einschließlich seiner Festproprien stellt auf den ersten Blick einen eklatanten Bruch mit der Tradition dar: In der neuen Psalmenverteilung sind die älteren Vorgaben – auch an den untersuchten Tagen – kaum mehr erkennbar;[12] die Antiphonen an diesen Tagen ha­ben, mit wenigen Ausnahmen, kein historisches Vorbild. Bereits für die Vigil am Hohen Donnerstag wurde eine völlig neue, eigene Auswahl an Psalmen getroffen (Pss 55[54], 31[30] und 71[70]), die auch keinerlei Bezug zum Wochenpsalter aufweist. Unter den rezipierten dreizehn Psalmen sind Ps 22(21) und Ps 88(87) inhaltlich unverzichtbar; Ps 51(50) behauptet seinen traditionellen Platz in den Laudes; weitere sechs Psalmen aus der Tradition fügen sich sprach­lich wie theologisch in das neue Konzept.[13] Am Karsamstag wurde ein zusammenhängender Teil der früheren Vigil-Psalmodie (vier Psalmen, davon zwei mit ihrer Anti­phon[14]) – in die Vesper übernommen.

Wird darin auch theologische Diskontinuität deutlich? Im Gegenteil: Die bene­diktinische Trauermette bleibt der römischen und monastischen Tradition eng verwandt, wobei strukturelle und inhaltliche Momente zusammenwirken. In der herkömmlichen Feiergestalt der Nacht- und Morgenhore bilden Psalmen und psalmogene Antiphonen nach wie vor den größten Textanteil und stehen wie früher ohne jede weitere Verständnishilfe für sich. Dadurch behalten sie auch in der komplett erneuerten Auswahl und Zusam­menstellung ihre theologisch-hermeneutische Hauptrolle und können sowohl ihr breites identifikatorisches Angebot als auch ihr implizit pascha­theo­logisches Potential von sich her entfalten.

Das Benediktinische Antiphonale enthält die Kurzlesungen, Oratio­nen und abschließenden Segenssprüche; es bietet aber keine eigene Leseordnung für die Vigil, sondern verweist auf passende Lesungen aus „dem Missale, einem Stundenbuch oder einem Lektionar.“ Im Vorsängerbuch sind für die erste Nokturn Lesungen aus den Klageliedern ausnotiert;[15] sie werden im Exzerpt Das Stundengebet vom Gründonnerstag bis zum Ostersonntag ausdrücklich empfohlen. Die zwei weiteren Lesungen bleiben der Wahl der Feiernden überlassen. Auch aus den teils neuen, teils sprachlich und musikalisch adap­tier­ten traditionellen Responsorien kann gewählt werden: vorgeschlagen sind je zwei deutschsprachige Gesänge, im Anhang findet sich überdies eine Zusammenstellung etlicher lateinischer responsoria prolixa.

1.3 Theologische Akzente und Teilnahme: Das zerstörte und wiederhergestellte Heiligtum „Mensch“

Die fast ausschließlich aus der Psalmodie entfaltete Theologie zeigt eine große Affinität zur Tradition; zu­gleich stimmt sie mit den Anliegen der Liturgiereform überein. Die wiedergewonnene Dialogizität gottesdienstlichen Feierns ist den Psalmen a priori eigen und nimmt in den neuen – in der Vigil ausnahmslos psalmogenen – Antiphonen eindringlich Gestalt an, v. a. in den zahlreichen dramatischen Appellen an das Du Gottes als letzte Hoffnung des bedrängten Beter: „O Gott, mein Gott, bleib mir nicht ferne!“ (Ps 71[70],12), „Herr, Herr, wie lange noch? Entreiße den Löwen mein Leben!“ (Ps 35[34],17), „Herr, du hast es gesehen, o schweige nicht!“ (Ps 35[34],22), „Erhebe dich, Herr, sei Zion gnädig!“ (Ps 102[101],14) etc. Denn Gott – an der Seite des Armen – wird dem Unrecht „um seines heiligen Namens willen“ (vgl. Dan 9,19) ein Ende setzen. Andere Antiphonen bringen das Vertrauen auf das rettende Da-Sein Gottes in Metaphern leiblicher Zuwendung und Nähe zum Ausdruck: „In deinen Händen ruht mein Geschick.“ (Ps 31[30],16), „Höre, o Herr, meine Stimme!“ (Ps 130[129],1), „Meine Leuchte lässt du strahlen; in mein Dunkel bringst du, o Gott, das Licht.“ (Ps 18[17],29), „Lass dein Angesicht leuchten, dann sind wir gerettet!“ (Ps 80[79],4.8.20), „Dein Antlitz werde ich schauen, und wenn ich erwache, mich satt sehn an deiner Gestalt.“ (Ps 17[16],15). Einige nach innen gerichtete, gewissermaßen selbstreflexive Antiphonen lassen die seelische Entwicklung, die einsamen Ängste und flehentlichen Hoffnungen, das Bitten, Verstummen und Sich-fügen des Leidenden nachvollziehen. Einige wenige im kirchlichen Feiern auf Christus bezogene Pro­phetenworte[16] sowie sparsam platzierte dogmatisch-bekenntnishafte Aussagen stehen – wie unverhofft erlösende Einsichten – jeweils erst am Ende eines voraus­gehenden längeren Prozesses des Nachdenkens und Ringens.[17]

Die schon für das römische Offizium charakteristische Theozentrik und Christologisierung ,von unten‘[18] ist im Benediktinischen Antiphonale sprachlich äußerst dynamisch, emotional und personal gefasst. Während in der älteren Tradition die Feiernden dem Geschehen zwischen Vater und Sohn gegenüber recht zurückhaltend-distanziert und zwischen Schuldeinsicht und Staunen abwartend verharrten, lässt diese Feierordnung von der ersten Antiphon an weder Distanz noch Reserven zu: „Das Herz bebt mir in der Brust; die Schrecken des Todes überfallen mich.“[19], um tags darauf fortzufahren: „Ich halte Ausschau nach einem, der mit mir fühlt, nach einem, der tröstet – und finde keinen.“[20] Beziehung – gefährdet, abgebrochen, erfleht und erneuert – ist also das bestimmende Moment in Texten und Gesängen. Die anthropologische Erfahrung personaler Begegnung, Solidarität und Identifikation eröffnet den Zugang zum Pascha-Mysterium und findet intensiv und tiefgehend zwischen allen Beteiligten statt: Gott–Mensch, Vertraute–Fremde, Israel–Völker, Freund–Feind, Kirche–Christus. Sie ist zudem sinnlich und kommunikabel: Im Rufen und Hören, aber mehr noch im suchenden Blick, im entzogenen Anblick und wieder leuchtenden Angesicht werden Einsamkeit und Erlösung erfahrbar.

Die Kantillation der Klagelieder als jeweils erste Lesung an jedem der drei Tage wird als Emp­fehlung beibehalten und ist im Vorsängerbuch ausdrücklich vorgesehen. Die Klagelieder bringen die schwer belastete Beziehung Gottes zu seinem exilierten Volk zur Sprache; ohne die Ursachen und Konsequenzen dieser Entfremdung zu beschönigen, nehmen sie den Zorn Gottes an, sie ringen um Einsicht, Vertrauen, Umkehr – und schließlich um eine zaghafte Aussicht auf Rettung. Die Zerschlagung des biblischen Gottes­vol­kes und seines Heiligtums (Jerusalem/Zion) – Typos für Christus und mit ihm für die Kirche als universalen ,Ort‘ der Gegenwart Gottes bei den Menschen – sowie die soterio­logische Verheißung seiner Heimkehr und Wiederherstellung rühren das ekklesio­logische Selbstverständnis der Feiernden an: Während die Kirche in der Tradition zunächst schuldbewusst-passive Ohrenzeugin des um ihretwillen gottverlassen-einsamen Abstiegs des Menschen­sohnes war, in der nachkonziliaren römischen Feier dagegen die seinem triumphalen Transitus verpflichtete Freudenbotin ist, erkennt sie dem Benediktinischen Antiphonale zufolge im darnieder­liegenden, entwürdigten Jerusalem/Zion sich selbst, der „jetzt“ Erbarmen widerfährt[21]: Nicht in der Über­bietung oder Abgrenzung, sondern in der Identifikation mit dem Gottesvolk und als solches erlösungsbedürftig nimmt die Kirche an der Israel gegebenen Verheißung teil und hofft, als heimgeführte Frau, wiedererrichtete Stadt Gottes und neugepflanzter Weinberg Gottes zum Heilszeichen für die Vielen/für alle werden zu dürfen: „Jerusalem, der Herr wird dich neu errichten. Er wird heilen; er verbindet deine Wunden.“[22]

Die im Benediktinischen Antiphonale in der Brisanz „dieser Stunde“ kulminierende Theologie der vorösterlichen Tagzeiten erschließt sich in ihrer traditionskonformen Gestalt – trotz materialer Kürzung und Neutextierung – ähnlich prozesshaft wie ehedem, doch fordert sie von Anfang an engagierte Mitleidenschaft für den seiner Gottheit radikal entäußerten und sich – im Leben und Sterben „den Menschen gleich“[23] – verausgabenden Erlöser ein: Anthropologie, Christologie und Ekklesiologie verschmelzen.

2. Ein Seitenblick in das Monastische Stundenbuch (1981)

2.1 Buchtyp, Prinzipien, Horenstruktur

Das von der Salzburger Äbtekonferenz 1981 für die deutschsprachigen Benediktiner herausgegebene Monastische Stundenbuch[24] ist dem Buchtyp nach ein Brevier, also kein Rollenbuch und auch nicht für den Gesang eingerichtet. Es folgt als Gesamtentwurf wie im Detail – etwa bei der Stellung des Hymnus am Anfang der Hore oder bei den Kurzlesungen – der erneuer­ten Liturgia Horarum und wendet deren Prinzipien auf den monastischen Gebrauch an: so konsequent, dass hier – entgegen der eigenen Tradition – auch an den vorösterlichen Tagen die erneuerte Vollhore der nachkonziliaren Tagzeitenliturgie übernommen wird.

2.2 Psalmenverteilung, Texte und Gesänge

An ihre Grenzen kommt die Orientierung an der Liturgia Horarum notwendigerweise bei der Psalmenverteilung. Statt dem für monastische Bedürfnisse wenig geeigneten 4-Wochen-Psalter folgt das Monastische Stundenbuch grundsätzlich dem Füglister-Schema – nicht aber an den drei letzten Tagen vor Ostern.[25] An diesen Tagen zeigt es sich als eine hybride Mischform, die primär aus der Liturgia Horarum schöpft; wo diese jedoch quantitativ zu wenig Material bietet, werden die nötigen Psalmen entweder aus der älteren Tradition oder aus dem Benediktinischen Antiphonale ergänzt. Die in jeder der zwei neuen Ordnungen anders kreative Kombination aus überkommenen Psalmen und alten oder neuen Antiphonen (und umgekehrt) gelangt so aus beiden Quellen vermischt ins Monastische Stundenbuch.[26] Aufgrund der dargestellten konzeptuellen Unterschiede beider verwendeten Ordnungen liegen die hermeneutischen Implikationen dieser recht unorganischen Zusammenstellung auf der Hand. Die formal und inhaltlich überdeterminierten Trauermetten (und anderen Horen) haben mangels funktionierender Stichwortbezüge und infolge bloß angehäufter, aber kaum entfalteter Motivik viel an theologischer Stimmigkeit verloren.

3. Zusammenfassung: Einheit und Vielfalt der Paschatheologie nach der Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils

Die Tagzeitenliturgie zeigt sich an den drei Tagen vor Ostern in einer außergewöhnlichen – weitgehend auf Psalmodie und Schriftlesung reduzierten – Gestalt, die von den ältesten liturgischen Quellen bis fast in die Gegenwart nahezu sakrosankt überliefert wurde. Insbesondere das Gesangsrepertoire (Psalmodie, Antiphonen und Responsorien) ist stabil und theologisch höchst ergiebig: Der hermeneutische Reichtum der Psalmen zur Erschließung der kirchlich gefeierten Heilsmysterien ist durch ihre neutestamentliche Rezeption und die patristische Auslegungstradition grundgelegt; erschlossen wird er durch die spezifische Auswahl der Antiphonen; zumal, wenn bestimmte Psalmen mehrmals im Jahreskreis, zu Festen und geprägten Zeiten wiederkehren und so wechselseitige Deutungszusammenhänge entstehen. Solche liturgische Resonanzen konstituieren und intensivieren das Schriftverständnis und die Feier­erfahrung der Versammlung.

In dem bis ins 20. Jahrhundert verwendeten Breviarium Romanum 1568 haben allerdings bereits geringfügige Eingriffe (Kürzungen, einzelne neue Verse und Antiphonen etc.) theologische Akzente in den Trauermetten teils verstärkt, teils verschoben. Im Zuge der Liturgiereform nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil hat sich die Feiergestalt der vorösterlichen Tagzeitenliturgie dann erstmals nachhaltig verändert und stärker differenziert. Gemeinsam ist allen neuen Feierordnungen die massive Kürzung von Texten und Gesängen. Nach wie vor korrespondieren die Nacht- und Morgenhoren thematisch mit den Hauptliturgien am Gründonnerstag und Karfreitag, ihr Proprium aber erfährt in jeder Ordnung andere Nuancierungen. Auch die Anbindung an die Tradition erfolgt auf je eigene Weise:

Etwas zwiespältig bleibt die Rezeption der älteren Vorgaben in der römischen Liturgia Horarum/im deutschen Stundenbuch, die sich in formaler Kontinuität zur Tradition versteht, sie jedoch in der Substanz stark ergänzt und modifiziert, indem sie die bisher anthropologisch grundierte Christologie überhöht sowie soteriologische Kernaussagen kultisch semantisiert (Blut, Opfer, Kreuz) und heutigem Empfinden (durch Glättung und Tilgung ,problematischer‘ Textpassagen) angepasst hat. Dies sind erstaunliche Verschiebungen, die man von den Schwerpunktsetzungen des Zweiten Vatikanischen Konzils nicht unbedingt erwarten würde.[27]

Der völlig neue Wurf desBenediktinischen Antiphonale steht dagegen in offensichtlicher materialer Diskontinuität zum älteren Überlieferungsbestand, bewahrt aber neben der markanten Feiergestalt auch inhaltliche Charakteristika und zeigt so geradezu paradoxe Treue zur Tradition: Hervorzuheben sind hier insbesondere die hermeneutische Offenheit der Psalmodie und die prozesshafte theologische Entwicklung, die am Vorabend der Pascha-Vigil im Descensus ,gipfelt‘; zugleich werden auch hier zeitgemäße – personale, dialogische und ekklesiologische – Akzente gesetzt.

Die gegenüber der älteren Tradition in beiden Fällen[28] eigenständigen und stringenten Entfaltungen paschaler Theologie resultieren aus der Feier­gestalt (ursprünglich-schlicht versus Vollhore) sowie aus der Wahl und Gewichtung der inhaltlichen Motive. So ist die Übernahme bestimmter Gesänge und Texte in der Liturgia Horarum[29] traditions­konform, während die Komplettierung der Horenstruktur kein historisches Vorbild hat. Im Benediktinischen Antiphonale wiederum bleibt die Hauptrolle der Psalmodie unangefochten, basiert jedoch auf einer völlig neuen Psalmenverteilung.

Nicht zuletzt werden die Feiernden auf je andere Weise in die Feier involviert. Ihre partizipative Rolle spiegelt das jeweils zugrunde­­liegende liturgietheologische Kon­zept wider:[30] Die christozentrische römische Ordnung motiviert die Gläubigen in der Gesamtschau des Pascha-Mysteriums Christi zum Bekenntnis seines Opfers und Triumphes; in der theozentrischen benediktinischen Version werden sie zur Selbsterkenntnis und gottesfürchtigen Identifikation mit dem Menschensohn angeleitet, der an ihrer Seite leidet und hofft.

Die Kenntnis unterschiedlicher Gestalten und Ausdrucksformen der Trauermetten kann für den differenzierten theologischen Reichtum dieser Ordnungen sensibilisieren. Doch erst wo sich das eine oder andere Feiermodell im gemeindlichen Vollzug und in gesungener Form in der Praxis neu zu etablieren vermag, wird die Tagzeitenliturgie der österlichen Tage ihre Kraft für eine spirituell und existentiell vertiefte Jahresfeier des Pascha-Mysteriums entfalten können.

DDr. Ingrid Fischer, THEOLOGISCHE KURSE


Fußnoten:

* Dieser Artikel gibt den zweiten Teil eines von der Verfasserin am 24. Kongress der Societas Liturgica in Würzburg 2013 gehaltenen Vortrags wieder, dessen erster Teil Ingrid Fischer, Zur Tagzeitenliturgie an den drei Tagen vor Ostern. Vom römischen (und monastischen) Offizium zur heutigen Liturgia Horarum, in: LJ 65 (2015) 105–124, erschienen ist. Auf Basis und in Ergänzung der dort dargestellten Gestaltwerdung und Entwicklung der vorösterlichen Tagzeitenliturgie bis zur jüngsten Reform geht es nunmehr um die Rezeption derselben Tradition in zwei benediktinischen Feierordnungen der Gegenwart. Anders als die zuvor untersuchte erneuerte römische Praxis (Liturgia Horarum/deutsches Stundenbuch [1971/1978]) bietet der neugewachsene Zweig der monastischen Tradition (Bene­diktinisches Antiphonale [vormals Deutsches Antipho­nale] Münsterschwarzach 1996 [1969–1974]) eine eigene Psalterübersetzung und Psalmenverteilung, andere Antiphonen sowie teils neue Responsorien und Gebete. Die Aus­wahl der Lesungen für die Lesehoren/Vigilien zeigt da wie dort eine gewisse Bandbreite. In den Büchern der römischen Tradition ist sie in der lateinischen Liturgia Horarum anders geregelt (einjähriger Lese­zyklus) als im deutschen Stundenbuch (zweijähriger Lese­zyklus; dieser ist allerdings kein Eigenentwurf, sondern folgt dem römischen Konzept jenes alternativen zweijähri­gen Zyklus von Schriftlesungen, der für die lateinische Ausgabe als eigene Publikation geplant war, bisher aber nicht umgesetzt wurde). Auch die beiden mo­nasti­schen Ordnungen unterscheiden sich: Das Benediktinische [Deutsche] Antiphonale bietet weder eine eigene Auswahl noch bevorzugt es eine bestimmte Leseordnung, sondern verweist pauschal auf die gängigen Möglichkeiten: „Diese Texte können leicht dem Missale, einem Stunden­buch oder einem Lektionar entnommen werden.“, An­tiphonale I, 7. für die Trauer­metten der Kartage frei­lich hat Münsterschwarzach einen undatierten (vermutlich 1969–1970) Faszikel mit den (teils kantillierten) Lesungen für den Eigengebrauch erstellt, der aber nicht publiziert wurde; das Vorsängerbuch von 1997 enthält nur mehr die kantillierte erste Lesung aus den Klageliedern. Das Monastische Lektionar (zum hier nur kurz gestreiften Monastischen Stundenbuch) enthält in vier Bänden die Texte aus Jahr I des zwei­jährigen Zyklus im deutschen Stunden­buch.

[1] Details bei Fischer, Tagzeitenliturgie (wie Anm. *).

[2] 1977 approbiert und im selben Jahr veröffentlicht in: Not 13 (1977) 157–191.

[3] Deutsches Psalterium für die Sonntage und Wochentage im Kirchenjahr, hg. v. Notker Füglister, Münster­schwarzach, 1969, in dessen Begleitheft „Zum Entwurf eines deutschen monastischen Offiziums“ der Autor Prinzipien und Kriterien der Neuordnung darlegt. 1969 wurden auch „Die Trauermetten der Karwoche“ erar­beitet und erstmals in neuer Form deutschsprachig gefeiert; es folgte eine erste eigene Psalmenübersetzung und die Komposition deutscher Antiphonen ab 1970; mit dem Erscheinen des Vigiliars 1974 war die erste Phase des Münsterschwarzacher Experiments abgeschlossen. Das 1972–1975 herausgebrachte dreibändige Deutsche Antiphonale. Für Sonntage und Wochentage des Kirchenjahres lieferte sowohl die Grundlage für das Antiphonale zum Stundenbuch (1979), die zum Singen eingerichtete deutschsprachige Version der römi­schen Liturgia Horarum, als auch für das 1996 erschienene Benediktinische Antiphonale I–III, das zudem eine neue, besser singbare Psalmenübersetzung erhielt (bisherige Letztfassung); vgl. dazu das Vorwort in Antiphonale I, 3–11. Einen Einblick in diese Umbruchszeit aus erster Hand samt Dokumentation der ge­nannten Entwicklungen bietet auch der Erfahrungsbericht: Georg Holzherr, Monastische Tagzeiten im Wandel. Die Situation in den schweizerischen Benediktinerklöstern vor und nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, in: Tagzeitenliturgie. Ökumenische Erfahrungen und Perspektiven. Liturgies des heures. Expériences et perspectives œcumeniques, hg. v. Martin Klöckener / Bruno Bürki, Fribourg 2004, 128–151, hier 141–142.

[4] Rhabanus Erbacher, der gemeinsam mit Godehard Joppich und Roman Hofer die maßgebliche musikalische und redaktionelle Arbeit geleistet hat, im Vorwort zum Antiphonale I, 3.

[5] AES 268.

[6] Antiphonale I, 7.

[7] Begonnen hatte sie mit der 1981 von der Salzburger Äbte­konferenz in Auftrag gegebenen Arbeit an einem neuen „Singpsalter für das gemeinsame Stundengebet“; seit 2003 liegt der Münsterschwarzacher Psalter auch als eigenständige Publikation vor.

[8] Schema B im Thesaurus (vgl. Not. 13 [1977] 161).

[9] Antiphonale I, 3. Die Vorarbeiten Zum Entwurf eines deutschen monastischen Offiziums reichen bereits in die Jahre vor der Liturgie­reform des Zweiten Vatikanischen Konzils zurück, das ihn als Schema B in den The­saurus Liturgiae Horarum Monasticae aufgenommen hat. Das umfassende Konzept ordnet nicht nur den Wochenpsalter neu, sondern verleiht auch den Festtagen und Festzeiten sowohl durch die Platzierung ausge­wählter Psalmen und Cantica als auch durch die Zuordnung bestimmter biblischer Bücher und Lesungen ein klares theologisches Profil; das gilt auch von den letzten Tagen der Hohen Woche. Umfassend dazu die gesammelten Studien und Aufsätze von Georg Braulik, Psalmen beten mit dem Benediktinischschen Antiphonale (ÖBS 40), Frankfurt 2011.

[10] Vgl. die ausführliche Darstellung bei Ingrid Fischer, Die Tagzeitenliturgie an den drei Tagen vor Ostern. Feier – Theologie – Spiritualität (Pietas Liturgica. Studia 22), Tübingen 2013, 336–406.

[11] Aus der einführenden Bemerkung in: Benediktinisches Antiphonale. Das Stundengebet vom Gründonnerstag bis zum Ostersonntag, 6.

[12] Die Tabellen bei Fischer, Tagzeitenliturgie (wie Anm. *) 122­–124 illustrieren das Verhältnis von Tradition und Innovation in der Auswahl von Psalmen und Antiphonen.

[13] Ps 115(114), Ps 71(70), Ps 69(68), Ps 38(37), Ps 140(139), Ps 142(141); siehe Tabellen 1–3.

[14] Ps 16(15), Ps 27(26) mit Antiphon, Ps 30(29) und Ps 24(23) mit Antiphon; siehe Tabellen 1–3.

[15] Benediktinisches Antiphonale. Vorsängerbuch, hg. v. Abtei Münsterschwarzach, Münsterschwarzach 1997, 113–122: Gründonnerstag: Klgl 1,1–8.11f; Karfreitag: Klgl 3,1–18; Karsamstag: Klgl 3,22–33.40–42.

[16] Mehrfach aus Jes 53; auch Sach 12,10.

[17] Aus der Tradition: Röm 8,32; neu: Joh 31; Röm 6,4.3.

[18] Erst am Karsamstag übernimmt die Kirche die Rolle der Wortführerin, wodurch die Grenzen zwischen Theozentrik und Christologie ,von oben‘ fließend werden. Als ihren „Herrn“ adressiert sie nun den Vater und den Gekreuzigten – in der Psalmodie noch implizit, doch ausdrücklich im Motiv des Descensus, den die Responsorien der dritten Nokturn und das responsorium breve der Vesper als dynamisch-personales Drama schildern: als Kampf (Fesselung des Starken, Vertrei­bung des Todes, Entmachtung Satans) und als Rettung (Suche nach dem verlorenen Schaf, durch Zuruf erweckte Tote, Befreiung der Gefangenen); die göttliche Epiphanie in der Unterwelt („Der über die Himmel regiert, steigt hinab in die Tiefe des Abgrunds“), führt zu ihrer Kapitulation, Öffnung und kö­niglichen Einnahme. Die Responsorien besingen den Sieg des „Erlösers“ und „Hirten“, des „Höchsten“, der „über die Himmel regiert“, über Sünde und Tod; der Versikel bekräftigt die Macht „des Herrn“ über Tod und Leben.

[19] Erste Antiphon der ersten Nokturn am Hohen Donnerstag zum innovativen Ps 55(54), hier V. 5.

[20] Gegenüber der Tradition neue Antiphon zu Ps 69(68), hier V. 21b, in der zweiten Nokturn am Karfreitag.

[21] Besonders präsent ist dieses Motiv am Karsamstag, u.a. im ersten Psalm Ps 74(73), in der ersten Antiphon der zweiten Nokturn „Erhebe dich, Herr, sei Zion gnädig! Ja, es ist Zeit, dass du dich seiner erbarmst; wahrlich, jetzt ist die Stunde gekommen.“ zu Ps 102(101), hier V. 14, sowie im darauffolgenden Versikel „In deiner Huld, o Herr, erweise dich an Zion gnädig. Lass neu erstehen Jerusalems Mauern.“

[22] Vierte und letzte Laudes-Antiphon am Karsamstag zu Ps 147A, hier vgl. V.3.

[23] Vgl. Phil 2,7 (Christus factus est).

[24] Die Feier des Stundengebetes. Monastisches Stundenbuch für die Benediktiner des deutschen Sprachgebietes. Authentische Ausgabe für den liturgischen Gebrauch, hg. im Auftrag der Salzburger Äbtekonferenz (3 Bände), St. Ottilien 1981; vgl. u. a. Odo Lang, Das „Monastische Stundenbuch“. Ein Beitrag zur Erneuerung des Stundengebetes: SMGB 94 (1983) 542–573; ders., Psalmenfrömmigkeit und Feier des Pascha-Mysteriums in der Psalmodie des Monastischen Stundenbuches: ebd. 97 (1986) 381–412.

[25] Auch in der älteren Tradition bietet die für beide Cursus weitgehend ident überlieferte Gestalt der Nacht- und Morgenhore die Struktur der römisch-säkularen Form.

[26] Vgl. wiederum die Tabellen in Fischer, Tagzeitenliturgie (wie Anm. *) 122­–124.

[27] Eingehender dazu Kap. 2.3 „Theologie und Spiritualität“ bei Fischer, Tagzeitenliturgie (wie Anm. *) 117–121.

[28] Auf das hybride Monastische Stundenbuch trifft dies nur eingeschränkt zu.

[29] Ebenso im Monastischen Stundenbuch.

[30] Die reformorientierte zeitgenössische Theologie des 20. Jahrhunderts zeigt sich im Zentrum jener Feiern, die sie von Grund auf erneuert hat, nicht in ephemeren Phänomenen: Aus den untersuchten Ordnungen sind etwa die Anordnungen für das Hantieren mit Feuer und Licht verschwunden, an denen über die Jahrhunderte hinweg lokale Riten und Sonderbräuche kristallisierten, die jedoch den Kern der Feiern nie tangiert hatten und für den verbreiteten Privatvollzug ohnehin bedeutungslos waren. Jüngere Handreichungen für gemeinschaftliche Feiern hingegen schenken dem Auslöschen der Kerzen während der Nacht- und Morgenhore wieder neue Beachtung.


Erstveröffentlichung: Liturgisches Jahrbuch, 66 (2016), H. 2, 115-124.

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