Pastoraltheologie: Eine Selbstvergewisserung der Kirche im Licht der Gegenwart

Beitrag von Assoc. Prof. MMag. Dr. Regina Polak

Vom Anwendungsfach zur Vielfalt der Zugänge

„Jetzt lernen wir, wie wir die Theologie in die Praxis umsetzen!“ Mit dieser Erwartung kommen viele TeilnehmerInnen in das Fach Pastoraltheologie. Die Theologie sagt, was geglaubt werden soll – die Pastoraltheologie sagt, wie man das „vermitteln“ soll.

Tatsächlich stand am „Geburtsort“ der Pastoraltheologie genau diese Vorstellung. Als der Benediktinerabt Franz Stephan Rautenstrauch, Direktor der Theologischen Fakultät der Universität Wien,  1774 das Institut für Pastoraltheologie gründete, lag der Fokus dieses an der Aufklärung orientierten Faches auf der Anwendungsorientierung. Die Pastoraltheologie sollte die „Religionsdiener“ der Kirche so ausbilden, dass diese die Glaubensinhalte dem Volk gut vermitteln und die Gläubigen so zu „anständigen“ Bürgerinnen und Bürgern erziehen konnten. In vielen Ländern dieser Welt findet sich ein solches umsetzungsorientiertes Fachverständnis bis heute.

Im deutschsprachigen Raum hat sich seit damals hingegen viel verändert. Es gibt verschiedene Fachverständnisse, aber die Anwendungs- und Umsetzungslogik vertritt heute niemand mehr. Pastoraltheologie sieht sich als hermeneutische Wissenschaft: Ihr geht es um das Verstehen menschlicher Praxis in Kirche und Welt sowie um deren gott- und menschengerechtere Gestaltung. Ich stelle hier das Fachverständnis vor, das ich in den Theologischen Kurs einbringe. Ich habe es am Institut für Praktische Theologie in Wien entwickelt.[1]

Pastoraltheologie als praktisch-theologisches Fach

Anders als die Mehrheit der Fachvertreter, vor allem in Deutschland[2], unterscheide ich zwischen Pastoraltheologie und Praktischer Theologie.

Praktische Theologie beschreibt einen Gegenstand und eine Methode, die nicht nur das Fach Pastoraltheologie für sich in Anspruch nehmen kann. Auch andere Fächer – z. B. Religionspädagogik, Katechetik, Liturgiewissenschaft, Kirchenrecht oder die Moraltheologie – können praktisch-theologisch arbeiten.

Für die Praktische Theologie inhaltlich zentral ist die Orientierung an der Praxis in Kirche und Welt, wie sie in der Gegenwart vorfindbar ist. Diese ist der Ausgangspunkt allen theologischen Nachdenkens. Die Gegenwart wird als jener „Zeit-Raum“ – jene grundlegende Situation – verstanden, der Glaube und Theologie entstehen lässt.[3] Ausgehend von der Gegenwart und deren Deutungen, Fragen und Herausforderungen werden die biblischen und kirchlichen theologischen Traditionen reinterpretiert.

Dazu wird eine spezielle Methode verwendet, die vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil von französischen Arbeiterpriestern entwickelt und in der Pastoralkonstitution Gaudium et Spes verbindlich formuliert[4] wurde: „Sehen – Urteilen – Handeln“.

Am Institut für Praktische Theologie in Wien haben meine KollegInnen und ich diese Methode zwischenzeitlich weitergedacht. Wir unterscheiden vier Schritte praktisch-theologischen Vorgehens:

  • Orientierung: Dabei wird geklärt, in welcher Situation (wo und wann), mit welchem Interesse, aus welcher Perspektive, mit welchen Vor-Erfahrungen und Vor-Urteilen und für wen („Option“) die Praxis der Gegenwart reflektiert wird.
  • Wahrnehmung: Auf der Basis methodisch strukturierter Analysen wird (ein Ausschnitt der) Gegenwart wahrgenommen und sachlich beschrieben. Das kann durch religions-, sozial- oder kulturwissenschaftliche, empirische oder geisteswissenschaftliche Forschung geschehen. Eine theologische Wahrnehmung dieser Erkenntnisse – am besten in einer Gemeinschaft von Gläubigen und gemeinsam mit den Betroffenen – kann die Ereignisse und Prozesse sowie die Praxis und das Bewusstsein, die diesen Erkenntnissen zugrundliegen, als „Zeichen der Zeit“[5] identifizierbar machen.
  • Deutung und Urteil: Nun wird gefragt, wie diese „Zeichen der Zeit“ zu verstehen und zu beurteilen sind. Dabei helfen „säkulare“ und theologische Theorien. Diese erschließen den inneren, vielfältigen Sinn der Gegenwart und lassen Kriterien zur Beurteilung entwickeln. In diesen „Zeichen der Zeit“, so die gläubige Hoffnung, lässt sich der Wille Gottes für die Gegenwart erkennen.
  • Entwicklung von Handlungsperspektiven: Die dabei gewonnenen Erkenntnisse liefern die Grundlage für Argumente, mittels derer Perspektiven und Vorschläge entwickelt werden, was von wem getan werden kann und soll.

Jedes theologische Fach, das so arbeitet, ist ein praktisch-theologisches. Die Pastoraltheologie als praktisch-theologisches Fach hat die Praxis der gegenwärtigen Kirche in der gegenwärtigen Welt und Gesellschaft zum Gegenstand.

Umdenken!

Eine solche Denkweise ist für viele ungewohnt und fremd. Die meisten sind gewohnt, die Praxis von einer Theorie abzuleiten – wie bei einer Gebrauchsanweisung für technische Geräte. So wird auch die Theologie dann oft wie eine Glaubenslehre gelesen, von der man eine Praxis ableiten soll.

Aber keine menschliche Praxis „funktioniert“ so – erst recht nicht die christliche oder kirchliche Praxis. Theologie ist kein Wissen, das man in den Alltag implementiert. Es verhält sich umgekehrt: Jede Theologie ist die nachträgliche Reflexion einer konkreten Praxiserfahrung in einer konkreten Gegenwart. Das kann man bereits von der Heiligen Schrift lernen – ob vom Exodus der Hebräer aus der Sklaverei in Ägypten erzählt wird oder die Propheten die ungerechte Politik der Könige anprangern; ob von den Wundern, Heilungen oder der Auferstehung des Jesus von Nazaret erzählt wird oder Lukas die Geschichte der jungen Kirche erzählt: Immer sind es konkrete geschichtliche Ereignisse, die im Kontext der Beziehung zu Gott wahrgenommen und zu theologischen Erfahrungen interpretiert  – schöner: ver„dichtet“ – werden.

Pastoraltheologie und die anderen Fächer

Innerhalb der theologischen Fächer erinnert vor allem die Pastoraltheologie an dieses Verhältnis zwischen Theologie und Praxis. Spezifisch für sie ist, dass sie auch die Praxis der Gegenwart auf diese Weise wahrnimmt und von ihr ausgehend Theologie betreibt. Sie macht bewusst, dass die Praxis der erste und ursprüngliche Ort des Glaubens ist. Praxis ist dabei freilich nicht technokratisch-aktionistisch im Sinne von „machen“, „herstellen“ oder gar „produzieren“ zu verstehen. Vielmehr unterstützt die Pastoraltheologie dabei, jede menschliche Praxis als beziehungsstiftend und lebensraumeröffnend[6] wahrzunehmen. Zudem hat jede Praxis eine implizite Theorie über die Beziehung zwischen den Menschen sowie zwischen Menschen und Gott. Diese Theorie lässt sich freilegen, kritisieren und theologisch fruchtbar machen oder aber als menschen- und gottwidrig entschleiern.

Pastoraltheologie legt die theologischen Theorien menschlicher Praxis der Gegenwart frei, d. h. inwiefern sich in ihnen die Beziehung mit Gott offenbart, bzw. deckt deren Fehlen oder gar deren Zerstörung auf. Zum anderen reflektiert sie die menschliche Praxis der Gegenwart auf der Basis der bisherigen Beziehungserfahrungen mit Gott, wie sie die Heilige Schrift und die kirchliche Tradition erzählen. So wird die gegenwärtige Praxis von Menschen theologierelevant und theologisch kritisierbar. Theologische Traditionen kommen im Licht der Gegenwart zu neuem Leben.

Die Entdeckung von Gaudium et Spes: Gegenwart als Ort der Offenbarung

Grundlage dieses Umdenkens ist die „Geburtsurkunde“ der Pastoraltheologie: die Pastoralkonstitution Gaudium et Spes.[7] In diesem Text vollzieht die Kirche einen Ortswechsel, indem sie sich mitten in der Welt der Gegenwart verortet. Das Verständnis von Pastoral verändert sich – sie wird zum Maßstab des Dogmas. Pastoral meint das Handeln der Kirche in der Welt. Damit werden die Grenzen der Kirche überschritten. Gesellschaftspolitische Fragen werden dadurch theologisch relevant, die heutige Welt wird zum Ort, in dem die Kirche ihren Dienst verwirklichen soll. Diesem Geist folgen auch die THEOLOGISCHEN KURSE.

Ungebrochen aufregend ist die Entdeckung der Pastoralkonstitution, dass die Gegenwart eine theologisch relevante Größe ist. In ihr kann sich Gott zu erkennen geben.[8] Ohne eine theologische Gegenwartsanalyse kann die Kirche die ihr in der Tradition geoffenbarte Wahrheit gar nicht verstehen! Diese Erkenntnis, auf die Karl Rahner aufmerksam gemacht hat[9], war auch für diesen großen Theologen „unheimlich“[10]. Die Gegenwart ist nicht mehr nur der Ort, auf den die Kirche ihre Offenbarungswahrheit appliziert. Nein: Die Gegenwart wird zum Ort der Offenbarung. Daher braucht die Kirche eine theologische Analyse der Gegenwart, damit sie die ihr geoffenbarte Wahrheit immer tiefer erfassen, besser verstehen und passender verkünden kann.[11] Für Karl Rahner ist es das Fach Pastoraltheologie, das die Aufgabe dieser theologischen Gegenwartsanalyse übernimmt.

Themen

Pastoraltheologie als praktisch-theologisches Fach entwirft also eine theologische Gegenwartsanalyse. Auf deren Basis wird sodann gefragt, welches Handeln für die Kirche in dieser Situation möglich und notwendig ist und was daher verändert werden muss.

Nahezu alles „Gegenwärtige“ kann somit Thema der Pastoraltheologie werden. Freilich gibt es „klassische“ Themen. Dazu gehören vor allem innerkirchliche Praxisfelder wie  Sakramentenpastoral, Gemeindepastoral, die kirchlichen Grunddienste Liturgie, Verkündigung und Diakonie, aber auch das kirchliche Amt oder die christlichen Lebensformen Priester-Sein, Ehe oder Ordensexistenz. In jüngerer Zeit werden zudem Führen und Leiten, Organisationsentwicklung, Mission sowie Kirchenreform zu wichtigen Themen. Auch nach speziellen „AdressatInnen“-Gruppen der Kirche wird gefragt, man spricht dann von Kinder-, Jugend-, Familien-, Kranken- oder Obdachlosenpastoral. Jeder gesellschaftliche oder kirchliche Ort, jede Institution, jede Gruppe von Menschen, jede Lebenssituation kann zum pastoralen Handlungsfeld werden. Pastoraltheologisch und praktisch-theologisch wird aber die Beschäftigung mit diesen internen Praxisfeldern erst, wenn diese in der Auseinandersetzung mit den konkreten „Zeichen der Zeit“ stattfindet. Daher gehören auch diese zum Themenkanon der Pastoraltheologie und reichen von zeitgenössischer Spiritualität, Migration, Ökologie und Klimawandel sowie Wirtschaft bis zu Kunst und Literatur, Pastoralpsychologie und Psychotherapie – je nach Spezialisierung des Fachvertreters/der Fachvertreterin. Entscheidend ist, dass am Anfang der theologischen Reflexion eine fundierte Situationsanalyse steht.

Pastoraltheologie als Brückenbauerin

Wie kaum ein anderes Fach ist die Pastoraltheologie auf Interdisziplinarität und Kooperation angewiesen. Sie braucht die anderen Fächer, um Theologie betreiben zu können. Sie braucht Menschen, die die theologische Tradition gut kennen, um die Gegenwart theologisch wahrnehmen zu können. Denn eine Theologie der Gegenwart ist in einer komplexen Zeit wie der unseren ein gemeinsames Unternehmen aller theologischen Fächer. Freilich ist ein solches Unternehmen noch Zukunftsmusik. Umgekehrt brauchen die anderen theologischen Fächer die Pastoraltheologie, weil sich mit dieser die Gegenwart und ihre theologischen Dimensionen methodisch strukturiert in den Fächerkanon einmischen und diese vor Zeitlosigkeit und Weltfremdheit schützen. Die Pastoraltheologie kann Brücken bauen: zwischen Gegenwart und Tradition, Kirche und Welt. Sie ermutigt und ermächtigt die TeilnehmerInnen der Kurse, nach Sinn und Relevanz der anderen Fächer für die Gegenwart zu fragen und die eigenen Glaubenserfahrungen als relevant für die Theologie zu erkennen.

Vom Nutzen des Faches

Das Fach „Pastoraltheologie“ erinnert daran, dass der Entstehungsort und der Lebensraum aller Theologie die konkret gelebte Glaubenspraxis ist und sich in und vor dieser zu bewähren und zu rechtfertigen hat. Ohne praktisch-theologische Reflexion kirchlicher und gesellschaftlicher Praxis kann die Kirche außerdem gar nicht Kirche sein und ihren „Heilsdienst“ in der Gegenwart erfüllen. Sie würde sonst zur reinen Verwalterin von christlichen Ideologien.

Die Pastoraltheologie hat eine zweifach kritische Funktion: Sie verhilft der Kirche und der Theologie zu Selbstvergewisserung und Selbstkritik im Licht der Gegenwart, von der zu lernen die Pastoraltheologie auffordert. Umgekehrt übersetzt die Pastoraltheologie theologische Traditionen im Horizont der Gegenwart in die Gesellschaft und ermöglicht dieser ebenso Selbstvergewisserung und Selbstkritik.

Wer Pastoraltheologie lernt, kann die theologischen Traditionen aus der Perspektive der Gegenwart  reinterpretieren und erkennt, wie Theologie handlungsrelevant werden kann. Er/Sie lernt, konkrete Praxisfelder in Kirche und Gesellschaft theologisch zu reflektieren und kann so den christlichen Glauben gut begründet in die Gesellschaft einbringen, aber auch bei der Weiterentwicklung der Kirche helfen. Wer praktisch-theologisch denken kann, kann Kirche  und Gesellschaft fundiert und daher theologisch verantwortet bilden. Karl Rahner war der Ansicht, dass ein solches Fach viel Lebendigkeit in die Theologie bringt. Für ihn ist die Pastoraltheologie das „wissenschaftlich-kritische sowie konkret aufmunternde“[12] Gewissen für die Kirche und die Gesellschaft.

Assoc. Prof. MMag. Dr. Regina Polak


Erstveröffentlichung: theologie aktuell. Die Zeitschrift der THEOLOGISCHEN KURSE, Sonderheft / 31. Jh. 2015/16, S. 71-76.


[1] Vgl. URL: http://pt-ktf.univie.ac.at/; Regina Polak: Recovering Practical Theology. Two disciplines on the way to each other at the University of Vienna. International Journal of Practical Theology 1 (2008), 150-172.

[2] Dort werden die Begriffe sehr oft synonym verwendet.

[3] Im Unterschied zu einem Verständnis von Theologie als zeitenthobener Glaubens-Lehre, die in die Gegenwart implementiert werden soll.

[4] Vgl. GS 4: Die ganze Kirche wird verpflichtet, die Zeichen der Zeit im Lichte des Evangeliums auszulegen.

[5] Darunter sind hier jene welt- und bewusstseinsverändernden Prozesse und Entwicklungen zu verstehen, die aus der Sicht des Glaubens als Anruf Gottes, als Hinweis auf Gottes Wirklichkeit in der Gegenwart wahrgenommen werden.

[6] Daher kann jede Praxis auch Beziehungen und Lebensraum vernichten und zerstören und bedarf daher theologischer und ethischer Reflexion. Auch der scheinbar nur „pragmatische“ Umgang mit Gegenständen oder bürokratische Praxis sind Beziehungsvorgänge: Gegenstände wurden von anderen Menschen erzeugt (unter welchen Verhältnissen?) und Verwaltungspraxis gibt Rahmenbedingungen vor. Der Nationalsozialismus z.B. wurde durch die Dominanz eines beziehungslosen Praxisverständnisses unterstützt: Man „vergaß“, dass es sich bei den Zahlen um Menschen handelte.

[7] Vgl. dazu Regina Polak/Martin Jäggle: Gegenwart als locus theologicus, Für eine migrationssensible Theologie im Anschluss an Gaudium et spes, in: Jan-Heiner Tück (Hg.): Erinnerung an die Zukunft. Das Zweites Vatikanische Konzil, Freiburg – Basel – Wien 2012, 570–598.

[8] Genau genommen ist dies eine Wieder-Entdeckung, denn so ist die Heilige Schrift entstanden.

[9] Karl Rahner: Zur theologischen Problematik einer „Pastoralkonstitution“, in: Karl Rahner: Schriften zur Theologie, Band VIII, Einsiedeln u. a. 1967, 613–637.

[10] Ebd., 628.

[11] Vgl. GS 44.

[12] Rahner, Säkularisation, 659.

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