Warum Glaubensbekenntnisse?

Sonntag für Sonntag wird das Glaubensbekenntnis im Gottesdienst gesprochen – üblicherweise das Apostolische, zu besonderen Anlässen das so genannte Große Glaubensbekenntnis. Letzteres können nur wenige Gläubige auswendig – und nicht alle wissen, dass das Große, genauer: das „Nizäno-Konstantinopolitanische“ Glaubensbekenntnis wichtige dogmatische Festlegungen enthält, die von den beiden ersten Ökumenischen Konzilien in Nizäa (325) und Konstantinopel (381) eingefügt wurden. Nicht wenige ChristInnen haben mit diesen alten Texten ihre Schwierigkeiten. Es gelingt ihnen nicht, diese Inhalte mit ihrem eigenen Glaubensverständnis zusammenzubringen.

Eine bestimmte Auslegung der Bibel

Ja, es sind alte Texte, in denen der persönliche und gemeinschaftliche Glaube öffentlich zum Ausdruck kommt. Durch das gemeinsame Rezitieren stelle ich mich in die Gemeinschaft, für die dieses Bekenntnis grundlegend und verbindlich ist. Ein zentraler Aspekt: Glaubensbekenntnisse basieren auf der Heiligen Schrift, akzentuieren aber auch die Auslegung der Bibel. So war die Auseinandersetzung um Arius (+ 336) in Nizäa, dem ersten Konzil überhaupt, ein Ringen um das biblische Christuszeugnis. Ist der Sohn Gottes ein Geschöpf (Arius) oder ewiger Sohn des Vaters: „wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen …“ (Nizäa) Das Konzil hält – in durchaus interpretationsbedürftigen Formulierungen – fest, dass in Jesus Christus, dem menschgewordenen Sohn, wirklich Gott selbst als Liebe nahegekommen und offenbar geworden ist: „Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht.“ (Joh 1,18)

Theologische Erschließung

Um die Bedeutung und Tiefe der „dogmatischen“ Aussagen der Glaubensbekenntnisse erfassen zu können, braucht es ein Minimum an theologischem Wissen. Auch für das Verständnis anderer Glaubenssätze kann dies von Vorteil sein. Ich hatte z. B. lange Zeit Schwierigkeiten mit der Aussage „Er sitzet zur Rechten Gottes“. So wie sich manche Aussagen und Bilder der Bibel erst durch Hintergrundinformation erschließen, ist es auch bei Passagen der Glaubensbekenntnisse – zumal diese ja meist wörtlich aus der Schrift übernommen sind.

Nicht der ganze Jesus

Die Glaubensbekenntnisse fassen wesentliche – biblisch bezeugte – Glaubensinhalte zusammen. Aber über das Leben Jesu schweigen sie sich aus: Auf „geboren von der Jungfrau Maria“ folgt im Apostolischen Glaubensbekenntnis sogleich „gelitten unter Pontius Pilatus“. Auch im Großen Glaubensbekenntnis schließt „für uns gekreuzigt“ direkt an „Mensch geworden“ an. Der Jesus der Glaubensbekenntnisse isst nicht mit den Sündern, heilt nicht und predigt nicht das Reich Gottes … Die Glaubensbekenntnisse – wie alle kirchlichen und dogmatischen Aussagen – ersetzen die Bibel nicht, sondern verweisen auf sie als Grundlage unseres Glaubens.


Erstveröffentlichung: https://www.meinekirchenzeitung.at/niederoesterreich-kirche-bunt/c-glaube/niemand-hat-gott-je-gesehen_a10442

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