Auf dem Weg des Verstehens nach Emmaus

Lukas erzählt im letzten Kapitel seines Evangeliums von zwei Anhängern Jesu (von denen er nur einen namentlich nennt), die auf dem Weg nach Emmaus waren. Auf diesem Weg sprachen sie über die tragischen und beunruhigenden Ereignisse in Jerusalem im Zusammenhang mit der brutalen Hinrichtung des Menschen, auf den sie so große Hoffnungen gesetzt hatten. Auf die Rückfrage eines dazu gekommenen Fremden beschreiben sie ihn als Propheten, von dem sie die Erlösung Israels erhofften.

Es fällt aus heutiger Perspektive nicht leicht, sich in die damaligen Anhänger Jesu hineinzuversetzen. Aber eines macht Lukas sehr deutlich: Sie rechneten überhaupt nicht mit einer Auferweckung des Gekreuzigten, den sie ja nicht einmal erkennen, als er mit ihnen den Weg nach Emmaus geht. Die Botschaft der Frauen, sie hätten das Grab leer vorgefunden und dort Engel gesehen, beruhigt sie nicht, ganz im Gegenteil. Lukas verwendet das griechische Verb exístēmi, um ihren Gemütszustand zu beschreiben. Es bedeutet verwirrt werden, um seinen Verstand kommen, sich entsetzen.

Das macht deutlich: Diese Menschen wussten nicht, dass auf einen Karfreitag ein Ostersonntag folgt. Und: Sie verstanden die Osterbotschaft zunächst einfach nicht. Lukas berichtet in seiner Apostelgeschichte, dass Paulus nach seiner Begegnung mit dem Auferstandenen vor Damaskus drei Tage lang erblindete, obwohl seine Augen offen waren (Apg 9,9). Wir können also davon ausgehen, dass die Osterbotschaft am Anfang auch eine Überforderung war, die ihre Zeit brauchte, um verarbeitet zu werden.

Die Emmaus-Erzählung schildert uns anschaulich, wie das gelingen kann. Um die Osterbotschaft zu erfassen, gab und gibt es eine notwendige Verstehenshilfe: die Heiligen Schriften Israels. Der Fremde auf dem Weg nach Emmaus arbeitet wie ein Übersetzer (das Verb diermēneúō bedeutet übersetzen und erklären). Sie verstehen die Schriften nicht, bis sie ihnen übersetzt werden, mit den bekannten Folgen: „Brannte nicht unser Herz in uns, als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schriften eröffnete?“ (Lk 24,32) Wie wichtig Lukas dieser Aspekt ist, zeigt sich darin, dass der Auferstandene bei der Begegnung mit der Urgemeinde („die Elf und die mit ihnen versammelt waren“) wieder auf die Heiligen Schriften Israels zurückkommt: „Alles muss in Erfüllung gehen, was im Gesetz des Mose, bei den Propheten und in den Psalmen über mich geschrieben steht.“ (Lk 24,44b) Die Texte des Neuen Testamentes selbst sind Zeugen für dieses Lernen und Verstehen der ersten Christen, mithilfe ihrer heiligen Schriften, die wir heute das Alte Testament nennen.

Mag. Oliver ACHILLES, Theologische Kurse


Erstveröffentlichung: https://www.meinekirchenzeitung.at/niederoesterreich-kirche-bunt/c-glaube-spiritualitaet/auf-dem-weg-des-verstehens-nach-emmaus_a20623?ref=curate

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