Gottes Namen in den Handschriften der Bibel

Angefangen mit den Büchern des Alten Testamentes wurden die Texte der Bibel gut zweitausend Jahre lang von Schreibern kopiert und so von Generation zu Generation weitergeben. Unsere heutige Art, das Wort Gottes in gedruckter oder elektronischer Form zu lesen, ist in der Geschichte der Bibel eine späte Entwicklung. Wie die Schreiber der Antike ihre Texte geschrieben haben, ist allerdings nicht nur eine technische, sondern auch eine theologische Frage, da ihre Frömmigkeit sich aus der Art herauslesen lässt, wie sie ihrer Aufgabe nachgekommen sind.

Ein hervorstechendes Merkmal ist die Behandlung des Heiligen Gottesnamens JHWH – in unserer heutigen Einheitsübersetzung als „der HERR“ in Großbuchstaben wiedergegeben. In vielen Handschriften vom Toten Meer können wir beobachten, dass die Schreiber den biblischen Text in der bekannten Hebräischen Quadratschrift schrieben , um dann den Heiligen Namen in althebräischen Buchstaben wiederzugeben. Das wäre ungefähr so, wie wenn heute in einem Text in der gewohnten Druckschrift dieser Namen in Fraktur gesetzt wäre. Warum machten die Schreiber das? A: Um die besondere Heiligkeit dieses Namens zu unterstreichen und B: Um das missbräuchliche Aussprechen dieses Namens zu vermeiden (vgl. Ex 20,7; Dtn 5,11).

Als die hebräische Bibel in das Englisch der Antike übersetzt wurde – in die griechische Sprache – knüpften die Schreiber und Kopierer des Textes an diesen Brauch an. Sie gaben das Tetragramm – den mit vier Buchstaben geschriebenen Gottesnamen – als Kyrios (= HERR) wieder und hoben ihn dadurch hervor, dass sie nur die ersten beiden Buchstaben dieses Wortes schrieben, die mit einem Überstrich versehen wurden. Diese Eigenart macht es heute noch möglich, einen biblischen Text von anderen Handschriften der Antike auf einen Blick unterscheiden zu können. Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, die diese alten Manuskripte untersuchen, sprechen von nomina sacra – von Heiligen Namen.

Überraschenderweise sind diese nomina sacra in den Handschriften des Neuen Testamentes viel häufiger verbreitet, als in denen des AT. Lassen Sie uns einen Blick auf den Anfang des Matthäus-Evangeliums – und damit des Neuen Testamentes – werfen. Der Bildausschnitt zeigt die ersten Zeilen des Papyrus 1, der in Oxyrhynchos in Ägypten entdeckt wurde. Er stammt vermutlich aus der ersten Hälfte des dritten Jahrhunderts. Der Text ist in griechischen Großbuchstaben (Majuskeln) geschrieben.

Abbildung 1: <<P. Oxy. I 2>>© wikimedia commons, gemeinfrei

In vereinfachter Umschrift steht hier: BIBLOSGENESEOSIYXYYYDAVID – der Schreiber verwendet keine Abstände zwischen den Wörtern. Drei Buchstabenpaare am Ende der Zeile sind mit einem Überstrich hervorgehoben. Das sind die nomina sacra. Übersetzt bedeutet die Zeile: Buch des Ursprungs von Jesus dem Christus dem Sohn Davids. Die unterstrichenen Worte sind die heiligen Namen. Der Schreiber dieser Handschrift hebt also die Worte Jesus, Christus und Sohn so hervor, wie er das bei einer Handschrift des AT mit dem Tetragramm, dem Heiligen Namen Gottes getan hätte. Dabei geht es jetzt nicht um eine Marotte dieses Schreibers, sondern der Blick in zahlreiche Papyri der damaligen Zeit belegt, dass dies eine weit verbreitete Praxis war.

Diese Praxis hat natürlich auch eine theologische Bedeutung: Jesus, der Christus, der Sohn Gottes wird auf diese Weise die gleiche Verehrung zuteil wie dem biblischen Gott. Diese Heiligen Namen sind daher Ausdruck der Jesus Devotion – der Jesus-Frömmigkeit der Alten Kirche, wie Larry Hurtado diese Praxis zusammenfassend benannt hat. Und zugleich sind diese Handschriften mit dieser Eigenheit die ältesten materialen Zeugnisse des frühen Christentums.

Ich persönlich finde es bedauerlich, dass die Praxis der nomina sacra im Neuen Testament komplett aus unseren Bibeldrucken verschwunden ist. Nicht einmal die wissenschaftlichen Ausgaben des griechischen Neuen Testamentes haben sie bewahrt, obwohl sie in den Handschriften allgegenwärtig sind. Ich fürchte, dass damit auch ein wichtiger Aspekt der Jesus-Verehrung gelitten hat: Dass ‚Jesus‘ ein heiliger Namen ist (Apg 4,12) und ‚Christus‘ nicht sein Familiennamen, sondern ein Titel und ein Anspruch ist; dass Jesus auf eine Art und Weise ‚Sohn Gottes‘ ist, die sich deutlich von der der anderen Kinder Gottes unterscheidet – das ist heute wohl viel leichter zu übersehen als zur Zeit der Schreiber der Handschriften, denen wir es verdanken, heute noch das Wort Gottes in unseren Gottesdiensten hören zu können.

Mag. Oliver Achilles, THEOLOGISCHE KURSE


Erstveröffentlichung: Kirche Bunt, Nr. 28 (2021), 15.

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