Der Retter ist auch der Richter

„Gott hat uns gerettet!“ – lautet die zentrale Erfahrung des Volkes Israel. Sie zieht sich durch das gesamte Alte Testament: „Gott hat uns aus dem Sklavenstaat Ägypten befreit.“ Der befreiende Gott ist keine theoretische Erkenntnis, sondern konkrete Erfahrung. Eine Erfahrung, die auch konkrete Auswirkungen auf die Lebensführung hat. Die von Gott geschenkte Freiheit soll für alle bewahrt bleiben. Das von Gott gegebene Gesetz, die Zehn Gebote, sind Leitlinien für ein gerechtes Miteinander. Auf die Rettung aus der Versklavung in Ägypten antwortet das Volk Gottes mit dem Halten der Gebote: „Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir. Usw.“ (Ex 20, 2-3) Dieses „sollst“ wäre richtig zu übersetzen mit „wirst“. Aus der Befreiung durch Gott folgt nach innerer „Logik“ eine Lebensführung, die Gott entspricht.

Jesu – Gott rettet

Der Name „Jesus“ (hebräisch: Jeschua) bedeutet wörtlich: Gott rettet. Jesus lebte und verkündete die unbedingte Güte und Nähe Gottes. Als ganz und gar Gottverbundener war Jesus transparent für die Liebe des Vaters. Sein ganzes Leben war Ereignis der befreienden Güte und Nähe Gottes: In der bedingungslosen, vergebenden, aufrichtenden, befreienden Zuwendung Jesu zu allen, besonders zu den Sündern, Schwachen, Ausgegrenzten, ereignete und offenbarte sich die bedingungslose, vergebende, aufrichtende, befreiende Zuwendung Gottes zu allen, besonders zu den Sündern, Schwachen, Ausgegrenzten. Wer sich auf dieses Entgegenkommen Gottes in Jesus Christus einließ und umkehrte, erfuhr das Geschenk des unbedingt Von-Gott-angenommen-Seins. Mk 1,15 bringt die „Logik“ von Rettung und Umkehr auf den Punkt: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“

Die Logik der Umkehr

Oder die eindrückliche Erzählung des reichen Zöllners Zachäus (Lk 19, 1-10): Zachäus möchte Jesus sehen und steigt auf einen Baum. Jesus kehrt bei ihm ein, ohne eine Vorleistung zu fordern. Kein: Wenn du alles zurückgibst, was du dir zu Unrecht genommen hast, dann komme ich zu dir. Nein: Es ist die bedingungslose Zuwendung, die rettet – und verwandelt: „Zachäus aber wandte sich an den Herrn und sagte: Siehe, Herr, die Hälfte meines Vermögens gebe ich den Armen, und wenn ich von jemandem zu viel gefordert habe, gebe ich ihm das Vierfache zurück. Da sagte Jesus zu ihm: Heute ist diesem Haus Heil geschenkt worden.“ (Lk 19, 8-9) Heil bedeutet: Im Reinen sein mit Gott, mit sich und den anderen. Gott schenkt sich und Zachäus schenkt weiter. Die Logik von Rettung und einer Lebensführung, die Gott entspricht.

Und als Gegenprobe: Zachäus nimmt das Beziehungsangebot nicht an oder er gibt nichts zurück, schenkt nichts her. – Es hängt auch an ihm, ob er – hier und jetzt – heil werden kann.

Warum Richter?

Wenn Gott bedingungslose Liebe und Zuwendung ist, wie kann er dann auch Richter sein? Hat Gott zwei Gesichter? Ein liebendes, rettendes auf der einen und ein strafendendes, verdammendes auf der anderen Seite? Mitnichten. Vielmehr ist das Gericht ein inneres Moment des Liebe-Seins Gottes. Diese These lässt sich anhand der Zachäusgeschichte verstehen: Die unerwartete, liebende Zuwendung Jesu nötigt Zachäus zu einer Standortbestimmung. Im Licht der göttlichen Liebe erkennt er seine dunklen Seiten und richtet sich selbst – und gibt „das Vierfache“ zurück.

Weil Gott jeden Menschen liebt, kann ihm Unrecht und Gewalt der Menschen untereinander nicht „egal“ sein. Eine Barmherzigkeit, die keine Umkehr und gerechte Lebensführung zur Folge hat, ist bloße Theorie. Umgekehrt ist die Forderung Gerechtigkeit zu üben ohne die Grunderfahrung der Gnade Gottes zum Scheitern verurteilt.

Ich war hungrig …

Schon das Alte Testament war überzeugt, dass der Gott Israels, der Befreier auch der Schöpfer der Welt und der Richter aller Völker ist. Nach Mt 25,32-32 ist dieser Richter niemand anderer als Jesus: „Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt …, dann wird er sich auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen. Und alle Völker werden vor ihm versammelt werden.“ Das Kriterium des Gerichts ist für alle Menschen gleich: „Ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben, usw.“ (V. 35) Diese Gerichtsszene ist allerdings kein Vorausbericht, wie das Jüngste Gericht ablaufen wird, sondern macht deutlich, wie wir hier und jetzt leben sollen. Und es ist die Begegnung mit Jesus, der Liebe Gottes in Person, die uns zurecht- und aufrichten wird.

Mag. Erhard Lesacher, THEOLOGISCHE KURSE


Erstveröffentlichung: Kirche bunt, 30/2021, 15.

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