Die Identität der Ukraine

Aufzeichnung des Vortrags von Dr. Alexander Kraljic & das Grußwort von Dr. Khrystyna Fostyak.

10. März 2022 – Grußwort von Dr. Khrystyna Fostyak, in Wien tätige ukrainische Theologin

Grüß Gott! Einen Guten Abend Ihnen allen hier im Erzbischöflichen Palais und allen, die online mit dabei sind.

Heute ist der 15. Tag des russischen Krieges gegen die Ukraine. Zwei Millionen Menschen verließen bereits ihre Heimat. Viele Städte liegen in Ruinen. Unter den Ruinen liegen Menschen. Millionen verstecken sich in feuchten Luftschutzbunkern, wo Babys zur Welt gebracht werden. Unaufhörliche russische Luftangriffe zielen auf Wohnhäuser, Schulen, Waisenhäuser, Kinderspitäler, Onkospitäler, geistliche Stätten, Gedenk- und Erinnerungsorte. Gestern gab es einen Raketenangriff auf eine Kinder- und Geburtsklinik. Humanitäre Korridore zur Evakuierung werden mit höchster russischer Bewilligung garantiert, später aber brutal beschossen. Allein aus der belagerten Stadt Mariupol, in der Nahrung, Strom, Heizung und medizinische Versorgung fehlt, wurden bislang 1.300 tote Zivilisten gemeldet. Volontäre und Priester werden bei der Ausübung ihres Dienstes getötet. Zwei ukrainische Atomkraftwerke in Chornobyl und Enerhodar befinden sich unter der Kontrolle russischer Soldaten. Enerhodar ist sechs Mal größer als Chornobyl. Welche Gefahr es für uns alle darstellt, braucht nicht erklärt zu werden.

Das Einzige, was die Menschen in diesem unvorstellbaren Leiden noch aufrecht hält, ist ihre große Wut und die Hoffnung auf Gerechtigkeit – dass allen Kriegsverbrechern, die die friedliche Bevölkerung eines souveränen Staates unbeschreiblichem Terror und Genozid aussetzen, in Den Haag der Prozess gemacht wird.

Die Ukrainer, in deren Heimat Russland mit Panzern, Raketen und Bomben eindrang, können dies nicht geschehen lassen. Sie können nicht kapitulieren. Die Geschichte hat uns beigebracht, dass Menschen ohne Freiheit und eigenständige Staatlichkeit immer Leid erfahren werden. Das eigene Land zu verteidigen und zu bewahren ist daher die höchste Pflicht – sowohl gegenüber den vergangenen Generationen, als auch gegenüber allen Kindern in Luftschutzbunkern und Flüchtlingszentren.

Ich danke den Organisatoren für den Vortragabend, der neben einem informativen auch einen caritativen Zweck hat. Ich danke allen Österreichern und Österreicherinnen jeden Alters ganz herzlich für alle Zeichen der Solidarität, für Ihre Verbundenheit im Gebet, Ihre Großzügigkeit, Gastfreundschaft und andere vielfältigste Unterstützung, die Sie der Ukraine und ihren Bürgern erweisen!

Herzlich

Khrystyna Fostyak

Ergänzende inhaltliche Bemerkung zum Veranstaltung:

Etymologisch lässt sich das Wort „Ukraine“ vom Verb „schneiden“ ableiten und wurde meistens in zweifachem Kontext verwendet. Zum einen meinte man darunter „das Land“, zu anderen – „den Rand“ eines Gebietes oder Territoriums. Die Einwohner dieses Landes begriffen „Ukraine“ als ihr Land, die Außenbetrachter folglich – den Rand im Bezug zu ihrem Standpunkt. In den Quellen ist die Ukraine bereits 1187 erwähnt worden und zwar im ersten Sinne des Wortes.

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