Hans Kessler: Impulse im Rahmen der Friedensnacht in St. Michael (Werther/Westf.) am Palmsonntag 10.4.2022

Putins brutaler Krieg gegen die Ukraine, immer noch gestützt vom Moskauer Patriarchen Kyrill, und das russische Volk wird systematisch belogen, und viele in der Welt dazu.

Ich wurde gefragt: Wie kann Gott das zulassen? Wo bleibt da Gott?

Gehen wir 2000 Jahre zurück, ins Jahr 30: Der Jude Jesus aus Nazaret, der Gottes Reich der Gerechtigkeit für alle verkündet hatte, wird als angeblicher Aufrührer zum Tod am Kreuz verurteilt, vom römischen Statthalter Pilatus, unterstützt vom Hohenpriester Kajaphas und seinen Claqueuren, nicht vom jüdischen Volk.

Im ältesten Evangelium (Mk 15,20.24.34-37) steht dazu: „Es war die dritte Stunde (morgens 9 Uhr), als sie ihn kreuzigten. Und in der neunten Stunde (15 Uhr) rief Jesus mit lauter Stimme: Eloí, Eloí, lemá sabachtháni? Das heißt übersetzt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Einige, die dabei standen, sagten: Er ruft den Elija; lasst uns sehen, ob Elija kommt, um ihn herabzunehmen. Da stieß Jesus einen lauten Schrei aus und verschied.“

Ein Mensch am Kreuz, der „Warum?“ schreit. Warum hast du mich verlassen?
Wo bleibt Gott? Hat er ihn verlassen? Von Gott verlassen gefühlt – das hat er sich.
Wo bleibt Gott? Hat er ihn aufgefangen? Ihn aufgenommen in seine Herrlichkeit…
Wo bleibt Gott heute – in all dem Töten, Zerstören, Aushungern?


Wo bleibt Gott? Was meinen wir überhaupt, wenn wir „Gott“ sagen?
Gott ist anders, anders als alles, was oft von ihm gedacht und gesagt wird. Recht bedacht meint dieses Wort „Gott“ das unbegreifliche Geheimnis am Grund unseres Lebens und am Grund aller Welten. „Ehe denn die Berge wurden und die Erde und die Welt, bist du Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit“ (heißt es im Psalm 90).

Mit seinem göttlichen „Es werde“ (Gen1) hat er alles von Anfang an in seine Eigenständigkeit hinein freigelassen. Vom Urknall an hat er alles freigegeben in Eigenentwicklung und Eigenmacht. Damit hat er seine Allmacht begrenzt: respektiert die von ihm freigelassenen Gesetze der Natur und die Freiheit der Menschen, greift also nicht willkürlich da oder dort in die Geschehnisse ein.

Gott ist da, verborgen da, diskret da. „Wahrhaftig, du bist ein verborgener Gott“ (ruft Jesaja 45,15). Der göttliche Urgrund tritt hinter der Welt zurück: trägt sie, erträgt sie, freut sich, wo Leben erblüht und im Zusammenspiel gedeiht, leidet, wo Leben gequält und zerstört wird.

Hörst Du, Gott, nicht die Schreie? Die Schreie der Menschen, die in Mariupol eingeschlossen sind, die Schreie der Kinder in Charkiw, Kramatorsk und Mikolajiw, die Abschiedsrufe auf den Bahnsteigen, das Weinen der Zurückgebliebenen?

Ja, Gott hört sie, ja er selber weint mit ihnen, die Straßen von Butscha sind voll von seinen Tränen, und er ist voller Zorn über die Gewalttäter.
Es schmerzt ihn zutiefst, was da mit seinen Geschöpfen passiert. Gott ist selbst betroffen und weint.
Er will doch auf Gutes hinaus, auf Recht und Gerechtigkeit, auf Frieden für alle, also auf eine Freiheit, die in Verantwortung für die anderen gelebt wird, nicht gegen sie.

„Du bist in allem ganz tief verborgen, was lebt und sich entfalten kann, doch in uns Menschen  willst du wohnen…“ (GL 414,4).
Der grenzenlose Gott: in allem tief verborgen, an allem ganz nah dran, und in uns will er Raum bekommen, in uns will er wohnen.
Wo Menschen aus ihrem Egoismus heraus aufbrechen und auf andere zugehen, wo sie sich nicht wegducken, sondern zum Engel für andere werden, da bekommt Gott Raum und Macht in der Welt.

Wir sind gefragt. Gott hofft auf uns. Erst dann, wenn wir sterben, zu ihm heimkehren, ist er allein gefragt. In dieser Welt aber sind wir gefragt. In dieser Welt müssen wir ihm helfen. Wie? Indem wir uns für ihn öffnen, seinen guten Geist in unser Leben einlassen, ihm in uns Raum geben, uns von seinem Geist leiten lassen in unserm Denken und Tun, damit sein guter Wille geschehen kann.  –  Was also können wir tun?


Was können wir tun, um den Menschen in der Ukraine zu helfen?  Vieles.

Friedensgebete sind Versuche, sich zu öffnen für den grenzenlosen Gott und so gerade für die andern, für die Bedrängten, die der Übermacht wehren müssen.
„Gib Frieden, Herr, gib Frieden!“ (EG 430) Wir wissen nicht, wie das möglich ist, auf welchen Wegen Gottes Geist über irgendwelche Menschen wirksam werden kann.

Für uns hier heißt „sich für Gott und die Bedrängten öffnen“: helfen, wo immer wir können.
Und wo man nicht selbst mitanpacken kann, kann man vielleicht spenden.
Und bereit werden, um der andern willen auf nicht Notwendiges zu verzichten, und das kann vieles sein.

Es war am 28. April 1942, nach Hitlers Angriff auf Russland: der amerikanische Präsident Franklin Roosevelt wendet sich übers Radio an die amerikanische Bevölkerung, um dafür zu werben, abends das Licht auszumachen, auf den Straßen spritsparsam zu fahren, einen ganz hohen Spitzensteuersatz zu tolerieren (94%! Sie haben richtig gehört: 94% Steuern von Spitzenverdienern!), dazu den Fleischkonsum stark einzuschränken, und all dies, um das Hitler-Regime zu bekämpfen durch Lastenausgleich und energiesparende „Selbstversagung“, sagte er, – und fügte hinzu: Hinterher wird das dann kein Opfer gewesen sein.

Ist nicht genau das auch jetzt fällig, um unabhängiger zu werden von Putins Öl und Gas?
Und fürs Klima ohnehin.
Sparen beim Stromverbrauch und beim Heizen. Weniger Auto fahren und spritsparsam fahren. Autofreier Sonntag und Tempolimit (wie 1973 nach der Ölkrise).
Wenn wir die Geschwindigkeit auf Autobahnen auf maximal 100 km/h reduzieren und auf 80 km/h außerorts, so spart das bei uns über 2 Milliarden Liter fossilen Kraftstoff.
Es gibt kaum ein Druckmittel im Konflikt mit Putin, das so leicht zu haben wäre.

Putins totalitäres Regime zerstört das andere Russland, das offene, menschenfreundliche Russland. Er will die Ukraine vernichten und bedroht alles, was Demokratie, Rechtsstaat, offene Information, Zusammenleben in Freiheit bedeutet.

Dieser Krieg geht uns alle an. Jede und jeder ist gefragt:
Was kann ich tun, um der Ukraine zu helfen? Was kann ich tun, um beizutragen zu mehr Menschlichkeit, zu mehr Gerechtigkeit, zu Frieden?

Hans Kessler


Zum Autor: Prof. Dr. Hans Kessler war von 1972 bis 2005 Professor für Systematische Theologie (Dogmatik und Fundamentaltheologie) am Fachbereich Katholische Theologie der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Dort war er u. a. Vorsitzender von „Theologie interkulturell“ sowie Leiter der interdisziplinären Forschergruppe „Naturwissenschaft und Theologie“. Arbeitsschwerpunkte: Schöpfungstheologie und Schöpfungsspiritualität, Christologie, Erlösungs- und Heilskonzepte der Religionen sowie Dialog mit anderen Religionen und mit dem heutigen Atheismus.

Jüngstes Buch: „Auferstehung? Der Weg Jesu, das Kreuz und der Osterglaube“ (2021, 7. Auflage 2022) [Link zum Verlag]

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