Gastbeitrag von Christian Puck
Seit der frühmorgendlichen Auferstehungsfeier am Ostersonntag bis zum Pfingstsonntag bleiben die Ministrantinnen und Ministranten in der Glanzinger Kirche bei der Wandlung stehen – anstatt wie sonst zu knien. Was steckt dahinter?
In seinem Kanon 20 legte das Erste Konzil von Nicäa, dessen 1700-jähriges Jubiläum die Kirche letztes Jahr feierte, fest: An Sonntagen und in der Pentekoste (gesamte fünfzigtägige Zeit von Ostern bis Pfingsten) soll stehend gebetet werden. Eine Praxis, die die Orthodoxen Kirchen übrigens bis heute konsequent aufrecht halten.
Der Mensch ist durch Christus aufgerichtet
Der Gedanke dahinter ist, Ostern bedeutet nicht nur: Christus lebt; Ostern bedeutet: der Mensch ist durch Christus im Paschamysterium aufgerichtet, seine Würde wurde wiederhergestellt und ihm ist darin und dadurch Anteil am auferstandenen Herrn Jesus Christus gegeben.
Viele haben vielleicht die Epistel der Osternacht im Ohr: Wir wurden ja mit ihm begraben durch die Taufe auf den Tod, damit auch wir, so wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt wurde, in der Wirklichkeit des neuen Lebens wandeln (Röm 6,4). Ins selbe Horn stößt der Epheserbrief: Gott aber, der reich ist an Erbarmen, hat uns, die wir infolge unserer Sünden tot waren, in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, zusammen mit Christus lebendig gemacht. Aus Gnade sind wir gerettet. Er hat uns mit Christus Jesus auferweckt und uns zusammen mit ihm einen Platz in den himmlischen Bereichen gegeben, um in den kommenden Zeiten den überfließenden Reichtum seiner Gnade zu zeigen, in Güte an uns durch Christus Jesus (Eph 2,4-7). Durch Jesu göttliche Macht sind uns die kostbaren und überaus großen Verheißungen geschenkt, damit wir durch diese Anteil an der göttlichen Natur erhalten und dem Verderben entfliehen (2 Petr 1,4); wir sind der Leib Christi und jeder Einzelne ist ein Glied an ihm (1 Kor 12,27).
Liturgie mit dem Körper
Die Liturgie spricht nicht nur mit Worten, sondern auch mit dem Körper. Während Knien für Buße und Niedrigkeit steht, verkörpert Stehen Auferstehung und Würde. Wer in der Osterzeit kniet, widerspricht ungewollt dem, was die Liturgie eigentlich verkündet. Die österliche Praxis ist auch zeitlich klar zu fassen: Stehen von der Osternacht bis einschließlich Pfingstsonntag, Knien wieder ab dem Pfingstmontag (Beginn der Zeit im Jahreskreis). So wird die Osterzeit als zusammenhängende Einheit sichtbar – und ihr Abschluss bewusst markiert.
Dies erscheint überaus zweckmäßig, denn: In vielen Gemeinden, auch bei uns in Glanzing, sehen manche eine auffällige Verschiebung: Die Fastenzeit wird mit großem Einsatz gestaltet – mit Themen, Symbolen, Predigtreihen, einem klaren „roten Faden“ etc. Die Osterzeit hingegen, obwohl sie die höchste Festzeit und das eigentliche Zentrum des christlichen Glaubens ist, verliert oft rasch an Kontur und Präsenz im gemeindlichen Leben. Was als eine einzige fünfzigtägige Feier der Auferstehung gedacht ist, zerfällt faktisch in einzelne, kaum verbundene Hochfeste und Sonntage. Diese Schieflage ist nicht nur pastoral unglücklich, sie ist auch theologisch problematisch. Gerade deshalb braucht die Osterzeit sichtbare, durchgehende Zeichen, die ihre innere Einheit und ihre zentrale Bedeutung erfahrbar machen. Ein solches Zeichen, einfach und zugleich tief, will der Glanzinger Altardienst setzen.
Die Praxis des Stehens in der Osterzeit bedeutet aber keinen Verzicht auf Ehrfurcht. Die Kniebeuge vor dem Allerheiligsten (z.B. beim Betreten oder Verlassen des Kirchenraums einschließlich des liturgischen Ein- und Auszugs) bleibt selbstverständlich als Zeichen der Verehrung und Anbetung bestehen. Der Unterschied ist bewusst zu beachten: Kniebeuge als kurze Geste der Ehrfurcht und Gegenwart Christi – Gebetshaltung des Kniens als Ausdruck von Buße und Niedrigkeit. In der Osterzeit tritt die Kirche betend vor Gott, nicht in erster Linie kniend, sondern stehend als aufgerichtete Gemeinschaft der Erlösten. So verbinden sich Ehrfurcht vor der Gegenwart Christi und Freude über die Auferstehung, die den Menschen aufrichtet.
Ostern sichtbar machen
Der liturgische Dienst verzichtet in der gesamten Osterzeit bewusst auf das Knien, um die österliche Wirklichkeit nicht nur zu verkünden, sondern sichtbar zu leben. Das bewusste Stehen ist kein nebensächliches Detail. Es ist ein klares, körperlich erfahrbares Bekenntnis: Christus ist auferstanden! Der Mensch ist aufgerichtet! Die Kirche steht vor Gott als Erlöste!
Christian Puck

