Grundgedanken zu Magnifica Humanitas, einer Sozialenzyklika, die den Menschen in das Zentrum der digitalen und gesellschaftlichen Umbrüche unserer Zeit stellt.
Ein Beitrag von Roland Preußl, Dipl. Theol., Bakk. Phil., Leiter der Regionalen KEB Regensburg Stadt
Ein anderes Narrativ
Papst Leo XIV. entfaltet ein grundlegend anderes Narrativ als jenes, das viele radikale Entwicklungen unserer Zeit prägt. Wo öffentliche Debatten Menschen vorschnell in Freunde und Feinde einteilen und ihren Wert an Herkunft, Aufenthaltsstatus, Geschlecht oder wirtschaftlicher Verwertbarkeit messen, spricht der Papst von einer großartigen Menschheit, der »Magnifica Humanitas«. Der geflüchtete, kranke, behinderte, arbeitslose oder arme Mensch besitzt nämlich nicht weniger Würde als derjenige, der gesellschaftlich anerkannt ist oder hohe wirtschaftliche Erträge einbringt. Menschliche Würde ist kein Lohn für Wohlverhalten, Nützlichkeit, nationale Zugehörigkeit oder ökonomischen Erfolg. Sie kommt jedem Menschen voraus und darf niemandem abgesprochen werden (vgl. MH 1–2, 11–16, 48–53, 185, 202).
Ebenso auffällig ist, wieviel Papst Leo XIV. dem Menschen zutraut und anvertraut. Er begegnet ihm nicht als einem Problem, das kontrolliert oder diszipliniert werden müsste, sondern als einer freien und verantwortungsfähigen Person, die unterscheiden, entscheiden, handeln und am gemeinsamen Haus mitbauen kann. Vor dem Hintergrund einer politischen Kommunikation, in der Regierende ihre Bevölkerung nicht selten beschimpfen oder gegeneinander ausspielen, wirkt dieser Ton wie eine Gegenrede, wie die Vision einer neuen Zukunft. Der Papst vertraut den Menschen und er traut ihnen so viel zu. Er spricht ihnen nicht ihre Mündigkeit ab, sondern ruft sie dazu auf, ihre Zeit und Welt im Dienst des Gemeinwohls zu gestalten (vgl. MH 8, 11–16).
Der Mensch im Zentrum
Papst Leo XIV. fokussiert dabei die Personalität des Menschen als Fundament der gesamten Katholischen Soziallehre. Der Mensch ist Ursprung, Träger und Ziel der sozialen Ordnung. Seine Würde hängt nicht von Leistung und Besitz ab, sondern ist ihm von Gott her unverlierbar gegeben (vgl. MH 48–53; RN 5; LE 9). Deshalb ist Magnifica Humanitas eine Sozialenzyklika und nicht nur eine »KI-Enzyklika«. Künstliche Intelligenz ist ein wichtiger Anlass des Schreibens, aber die eigentliche Frage reicht tiefer: Wie können der Mensch und die Gesellschaft unter den Bedingungen einer neuen technischen, wirtschaftlichen, digitalen und gesellschaftlichen Ordnung menschlich bleiben? Und wie müssen diese gestaltet sein, damit sie wirklich allen Menschen dienen? (vgl. MH 3, 17–18, 46–47).
Im Zentrum der Enzyklika steht nichts weniger als die Menschheitsfamilie selbst und das gemeinsame Haus der Schöpfung. Papst Leo XIV. betont unaufhörlich, dass jeder Mensch Würde besitzt. Kranke und arbeitslose Menschen sind ebenso Träger der menschlichen Würde, wie geflüchtete, arme und ausgegrenzte Menschen, unabhängig von Geschlecht oder Herkunft. Diese Würde muss weder verdient noch durch Nützlichkeit gerechtfertigt werden (vgl. MH 16, 48–53, 50–53; FT 17, 106–107, 117).
Die neuen Dinge unserer Zeit
Leo XIV. bleibt damit der Tradition von Papst Leo XIII. treu. Dieser schrieb die erste Sozialenzyklika Rerum novarum in die Zeit der industriellen Revolution hinein. Er gab den Arbeitern eine Stimme und lenkte den Blick auf den personalen Faktor der Arbeit. Heute leben wir erneut in einer Zeit tiefgreifender Veränderungen. Die digitale und mediale Revolution und nicht zuletzt die Künstliche Intelligenz werden zahlreiche Entwicklungen in ihrer Dynamik beschleunigen. Wie damals die Industrialisierung, so verlangt heute die Digitalisierung nach einer sozialen und moralischen Orientierung (vgl. RN 1–3; MH 4–6).
Zugleich verschieben sich weltweit Macht und finanzielle Einflussmöglichkeiten. Der Gestaltungsspielraum von Nationalstaaten und demokratisch legitimierten Regierungen nimmt in manchen Bereichen deutlich ab, während private, transnationale Akteure über bislang ungeahnte Möglichkeiten verfügen. Wer Daten, Plattformen, Rechenleistung und technische Infrastrukturen kontrolliert, übt gesellschaftliche Macht aus. Damit stellt sich umso dringlicher die Frage, wie Verantwortung und öffentliche Kontrolle gewährleistet werden können (vgl. MH 5, 95–96).
Auch Macht und Missbrauch innerhalb der Kirche spricht Papst Leo XIV. deutlich an. Er bittet um Verzeihung und ruft eindringlich dazu auf, dass jede Macht zum Dienst an Menschen eingesetzt werden muss (vgl. MH 89, 138). Ferner weist er darauf hin, dass „eine Anerkennung des Schadens, gerechte Wiedergutmachung und Prävention“ (MH 89) erfolgen müssen. Auch Eigentum und Privatbesitz werden in diesem Zusammenhang neu bedacht. Die kirchliche Soziallehre hat das Recht auf Privateigentum nie als absolut und unveräußerlich anerkannt. Eigentum besitzt eine soziale Funktion und bleibt der allgemeinen Bestimmung der Güter untergeordnet. Leo XIV. bezieht diesen Grundsatz ausdrücklich auch auf Patente, digitale Plattformen, Daten, Algorithmen und technologische Infrastrukturen. Die Armen sollen erhalten und zurückerhalten, was ihnen zusteht, und die neuen Güter unserer Zeit müssen so geordnet werden, dass Teilhabe nicht zum Privileg weniger wird (vgl. MH 65–67; QA 44–58; MM 104–121; LE 11–14; PP 23–24; CA 30–43; LS 93–95; FT 118–120).
Technik braucht menschliche Führung
Neben dem »Transhumanismus« und »Posthumanismus« (MH 115–1117, 131, 232) geht Papst Leo XIV. auch mit dem sogenannten »technokratischen Paradigma« ebenso entschieden ins Gericht wie zuvor schon Papst Franziskus. Ein solches Paradigma kann keine zukunftsfähigen Lösungen hervorbringen, wenn der Mensch als Zentrum und Ziel allen Schaffens ausgeklammert bleibt und nur Partikularinteressen und Gewinnmaximierung Berücksichtigung finden. Technik kann dem Menschen wertvolle Dienste leisten. Sie wird aber dort problematisch, wo sie selbst den Maßstab dafür setzt, was als gut, nützlich, förderungswürdig gelten oder wer in Kriegszeiten getötet oder geschützt werden soll (vgl. MH 92–96, 198; LS 101, 106–114).
Für das Wachstum eines globalen Gemeinwohls braucht es daher neue Ideen. Ökonomische Ansätze, die allein auf eine »unsichtbare Hand des Marktes« (Adam Smith) setzen und davon ausgehen, dass eine möglichst unregulierte Wirtschaft aus sich selbst heraus das Gemeinwohl hervorbringe, erweisen sich als nicht tragfähig. Der Markt bleibt ein wichtiges Instrument, kann sich aber nicht selbst seine moralischen Ziele geben. Hier kann man Anklänge an das sog. »Böckenförde-Diktum« wahrnehmen. Politik und Gesellschaft müssen nach Papst Leo XIV. wirtschaftliche und technologische Dynamiken auf das Gemeinwohl ausrichten (vgl. MH 158, 163; LS 109; FT 168).
Der Mensch soll deshalb auch im Kontext der Künstlichen Intelligenz die technologische Innovation leiten, sie verantwortlich nutzen und ihr bewusst Grenzen setzen. Dazu ist die Einübung moralischer und geistlicher Unterscheidung im Spiegel des eigenen Gewissens notwendig. Denn im existenziellen Sinn ist nur der Mensch zu Verantwortung und Gewissensentscheidung fähig. Ebenso kann auch nur der Mensch existenziell schuldigwerden, verzeihen und Wiedergutmachung leisten. Künstliche Intelligenz kann ihn dabei unterstützen, darf ihm diese Verantwortung aber nicht abnehmen (vgl. MH 97–99, 104–111; CiV 69–71).
Einheit in Vielfalt
Auch ekklesiologisch ist die Enzyklika bemerkenswert. Papst Leo XIV. deutet die Erzählung vom Turmbau zu Babel als Warnung vor einer Einförmigkeit, die Vielfalt ausschließt und den Menschen einem gemeinsamen uniformen Machtprojekt unterjocht. Von daher ist die Babelerzählung in der Deutung des Papstes sogar eine Befreiung der unterjochten Menschen in die Vielfalt der göttlichen Schöpfung hinein. Dem Herrschaftsstreben in Babel stellt er den Wiederaufbau Jerusalems unter Nehemia gegenüber. Hier übernehmen viele Menschen Verantwortung, jeder bringt seinen unverwechselbaren Beitrag ein. Aus der Verschiedenheit wächst ein gemeinsames Werk. Einheit in Vielfalt wird so zum Schlüssel für den Bau des gemeinsamen Hauses (vgl. MH 7–10). Diese Sichtweise ist eine Gegenstimme zu gegenwärtigen Tendenzen, die wahre Einheit mit Gleichförmigkeit verwechseln. Der Papst ruft auf, anzuerkennen, was jeder Mensch unvertretbar einbringen kann und soll. Zudem verlangt er, allen Menschen die entsprechenden Möglichkeiten der Mitwirkung einzuräumen. Leo XIV. hebt hervor, dass „Subsidiarität zu einem Kriterium der Leitung und des pastoralen Lebens [werden soll], welche die Verantwortung der Gläubigen und der kirchlichen Mittelstrukturen anerkennt und unterstützt, Charismen und Kompetenzen fördert und dabei jeden Paternalismus vermeidet, der die Freiheit des Evangeliums erstickt“ (MH 87; vgl. QA 79–80).
Frieden und die Baustelle unserer Zeit
Papst Leo XIV. stellt sich klar gegen die Lehre von einem sog. »gerechten Krieg«, ohne damit das eng zu verstehende Recht auf legitime Verteidigung zu schmälern. Damit führt er die von Papst Franziskus in Fratelli tutti vorgenommene Neubewertung fort und unterstreicht diese. Dialog, Diplomatie, Vergebung und Wiedergutmachung müssen an die Stelle einer Logik treten, die Krieg immer wieder als notwendiges oder alternativloses Mittel erscheinen lässt (vgl. MH 192; FT 258–262, Fußnote 242!). Diese Friedensperspektive bleibt dabei aber nicht abstrakt. Papst Leo XIV. wünscht, dass sich statt der Kriegsindustrie und der ungebremsten Aufrüstung – die so viele wertvolle Ressourcen dieser Erde verschlingt – das »Handwerk des Friedens« ausbreitet (MH 240). Auch die indirekt hergeleitete Absage an die Todesstrafe gehört in diesem Horizont zu einer konsequenten Achtung des menschlichen Lebens (vgl. MH 133, FT 263–270).
Mit Gaudium et spes lässt sich sagen: Die Kirche ist aufgerufen, die Zeichen der Zeit zu erkennen. Sie darf dabei jedoch nicht beim Erkennen stehen bleiben. Gemeinsam mit den großartigen Menschen dieser konkreten Zeit soll sie wie Nehemia an der Gestaltung der Welt mitwirken, damit das Gemeinwohl gefördert wird und alle Menschen würdig leben können. Die Soziallehre liefert dafür keine schematische Universallösung. Sie fordert vielmehr dazu auf, die jeweilige Situation genau wahrzunehmen, im Licht des Evangeliums zu beurteilen und daraus verantwortliches Handeln zu entwickeln (vgl. MH 8, 17, 22, 241). Das wird allerdings nicht ohne Anstrengung und auch nicht ohne Konflikte möglich sein. Wenn die dienende Caritas als gelebte soziale Liebe in den Mittelpunkt kirchlichen Wirkens tritt und Beziehung existenziell gelebt wird, werden wir „uns auf der Baustelle unserer Zeit die Hände schmutzig […] machen“ (MH 16; vgl. MH 8, 10–14, 16, 41, 90, 129, 184, 241–242; CiV 2, 6–7).
Eine Ordnung, die dem Menschen dient
Das Wohl aller Menschen muss im Zentrum stehen und Ziel der Wirtschafts- und Wissenschaftsordnung sein. Menschen dürfen niemals zum Mittel zum Zweck, zur Ressource der Optimierung oder zum Gegenstand von Ausbeutung und Versklavung degradiert werden. Gerade im digitalen Bereich bestehen hinter scheinbar immateriellen Dienstleistungen oft lange Arbeits- und Lieferketten, in denen Menschen unter prekären oder ausbeuterischen Bedingungen tätig sind. Papst Leo XIV. verbindet diese Gegenwartsanalyse mit der selbstkritischen Erinnerung an die kirchliche Verstrickung in die Geschichte der Sklaverei und bittet dafür im Namen der Kirche um Vergebung (vgl. MH 160–164, 172–179). Die Worte des Hl. Papstes Johannes Paul II. aus Laborem Exercens, dass „die Arbeit für den Menschen da [ist] und nicht der Mensch für die Arbeit“ (LE 6) lassen sich deshalb auf die neuen Dinge unserer Zeit und besonders auf die Künstliche Intelligenz im Sinne von Magnifica Humanitas umformulieren: Die gesamte Wirtschaft muss auf die Menschenwürde ausgerichtet sein. Der Mensch ist nicht für die Künstliche Intelligenz da; die Künstliche Intelligenz muss allen Menschen dienen (vgl. LE 6; MH 150–152, 164). Das Ziel der Künstlichen Intelligenz und aller technischen Entwicklungen beschreibt Leo XIV. sehr deutlich: „Es reicht nicht aus, dass KI uns effizienter oder vernetzter macht; sie muss dazu dienen, jene universale Menschheitsfamilie mit gemeinsamen Rechten und Pflichten aufzubauen, in der digitale Nähe zu einer echten Chance für Begegnung und gegenseitige Fürsorge wird.“ (MH 187)
Die Armen als Wegweiser
Die Option für die Armen ist keine Option in dem Sinne, dass unter vielen Möglichkeiten beliebig eine ausgewählt werden könnte. Sie bezeichnet einen besonderen Vorrang und ein leitendes Prinzip christlicher caritativer Liebe und Wahrheit. Die gesellschaftliche Wirklichkeit ist deshalb im Spiegel der »Sozialen Gerechtigkeit« zu prüfen und aus der Perspektive der Schwächsten wahrzunehmen: der armen, kranken und behinderten Menschen, der Menschen mit Migrationshintergrund und Fluchterfahrungen und all jener, deren Stimme überhört wird. Besonders verweist Papst Leo XIV. auch auf Frauen, die oft „[d]oppelt arm“ (MH 57) sind, da sie neben der Armut häufig auch noch wegen ihres Geschlechts ausgebeutet und missbraucht werden. Die armen Menschen sind nicht das Randthema der Soziallehre, sondern ihr eigentlicher Prüfstein, an dem das Evangelium sich erweisen will (vgl. MH 77–79; PP 12; SRS 42, 76). So bleibt eine immer aktuelle Hoffnung der Kirche: „Dann werden die verworfenen Steine – die Armen, die Kranken, die Migranten, die Kleinen – zu Ecksteinen, und auf Erden wird ein festes und einladendes gemeinsames Zuhause entstehen, wo Liebe und Wahrheit endlich einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen (vgl. Ps 85,11)“ (MH 16).
Digitale Kompetenz darf daher nicht lediglich die Anwendung neuer Werkzeuge und Kompetenzen in den Blick nehmen. Sie muss Urteilskraft, Verantwortungsbewusstsein fördern und die Fähigkeit einschließen, um den Einsatz von Technik auch begrenzen zu können. Damit dies unterstützt werden kann, braucht es u. a. ein tragfähiges Netzwerk der Bildung. Allen Menschen muss möglichst einfach Bildung und Weiterbildung im Kaleidoskop der »res novae« unserer Zeit zugänglich gemacht werden, um miteinander – in der Einheit der Vielfalt – am gemeinsamen Haus bauen zu können (vgl. MH 139–147, 156, 169; PP 35; CiV 61).
Roland Preußl, Dipl. Theol, Bakk. Phil.
Quellen: RN = Rerum novarum; QA = Quadragesimo anno; MM = Mater et magistra; PT = Pacem in terris; PP = Populorum progressio; OA = Octogesima adveniens;
LE = Laborem exercens; SRS = Sollicitudo rei socialis; CA = Centesimus annus; CiV = Caritas in veritate; LS = Laudato si’; FT = Fratelli tutti; MH = Magnifica Humanitas.

