Die Kränkungen des (modernen) Menschen. Zum Programm in der AKADEMIE am DOM 2020/21

Vertrauen | Krise. Unter diesem Motto steht das Programm 2020/21 in der AKADEMIE am DOM. Niemand konnte bei der Themenwahl ahnen, in welche Krise COVID-19 die Welt stürzen würde – mit noch unabsehbarem Ende. Ihr sind deshalb die ersten, nach vorsichtiger Öffnung hoffentlich stattfindenden, Veranstaltungen im September 2020 gewidmet. Nach dem Jubiläum der THEOLOGISCHEN KURSE am 1. Oktober (siehe vorige Ausgabe von magazin KLASSIK) eröffnet eine interdisziplinäre Vortrags- und Gesprächsreihe zu den großen Kränkungen des modernen Menschen das Wintersemester 2020/21 in der AKADEMIE am DOM: je zwei renommierte WissenschaftlerInnen befragen und diskutieren das fragil gewordene Selbstbild des Menschen, der – nicht erst seit Corona, aber wohl darüber hinaus – mit dem Verlust seiner Mitte, seiner Einzigartigkeit, seiner Ideale, seiner Freiheit und seiner Leistungsfähigkeit zurechtkommen muss.

 Kopernikus: Aus der Mitte geworfen

Der Tempel, die Hauptstadt, das Reich oder zumindest die Erde war für die meisten Menschen selbstverständliches Zentrum der „Welt“. Obwohl Alternativen seit der Antike klug angedacht wurden, führten erst die Arbeiten von Kopernikus und Kepler zum endgültigen Blickwechsel – die Sonne statt der Erde beanspruchte ab dann die zentrale Sonderstellung. Doch der Sonne erging es später nicht anders. Der astronomische Erkenntnisfortschritt „dezentrierte“ auch unsere erweiterte kosmische Heimat immer wieder und wieder und hat damit auch das Selbstverständnis des Menschen verändert. Die Haltlosigkeit angesichts der verlorenen Mitte weicht neuem Staunen über „des Menschen Kind“ (Ps 8,5) in den Weiten des Universums.

 Darwin: Vorfahren und Verwandte

Schwerer noch wog seinerzeit wohl die verlorene Schöpfungskrone des Menschen – stammt er doch evolutiv von den Primaten ab: einerseits extrem sozial und kooperativ mit dem Ergebnis einer überragenden Ratio steht er nun da, doch andererseits irrational von stammesgeschichtlich älterem Verhalten getrieben. Diese widersprüchliche Natur macht uns gehörig zu schaffen: in den schweren globalen Problemen, die Biosphäre und Menschheit bedrohen, und in der vergleichsweise harmlos erscheinenden Corona-Krise. Dass aber letztere einen weitaus größeren gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Impact ausgelöst hat, ist nicht nur rational zu begründen. Kann also eine menschengerechte Politik im Einklang mit dieser unserer Natur gelingen?

 Freud & Co: Dunkle Triebe des edlen Menschen

„Weil wir Illusionen zerstören, wirft man uns vor, dass wir die Ideale in Gefahr bringen.“ Beklagte einst Sigmund Freud (1927). Denn auch um die verlorenen Ideale des Menschen (Transzendenz, Reinheit, Gehorsam …) entbrannte ein Kampf zwischen Kirche und Tiefenpsychologie: Sigmund Freud hat die „Macht des Luststrebens“ und Alfred Adler die „Lust des Machtstrebens“ analysiert. Ernüchternd, kein Zweifel. Doch beide Lüste lassen sich durch Vernunft und Liebesfähigkeit beständig kultivieren. Diese Übereinstimmung zwischen Theologie und Tiefenpsychologie ist dem (Bild vom) Menschen dienlich: Sie befreit von trügerischen Idealen und Ideologien, aus hierarchischer Vormundschaft und fördert die Entfaltung christlicher Mündigkeit.

 Hirnforschung: Illusionäre Freiheit?

Glaubt man einigen VertreterInnen der modernen Hirnforschung, hat der Mensch seine mühsam behauptete Selbstbestimmung auch schon wieder verloren: Wenn „das Gehirn“ entscheidet, was wir tun und unterlassen, ist unser freier Wille (und mit ihm jeder moralische Anspruch?) reine Illusion. Doch sind die dafür ins Treffen geführten Argumente und empirische Befunde der kognitiven Neurowissenschaft stichhaltig? Oder erfahren wir uns zurecht als tätige Subjekte unseres Handelns, die unter gegebenen biologischen und vor allem gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ihr Handeln nach normativen Gesichtspunkten zu begründen und damit auch frei zu gestalten vermögen? Ambivalent beurteilt(e) indes die kirchliche Tradition den freien Willen: affirmiert als Begründung für das Böse in der Welt; bestritten in seiner Fähigkeit zum Guten.

 Künstliche Intelligenz: Der Mensch überdribbelt sich selbst

Der Arbeit als einem Können und Dürfen in göttlichem Auftrag steht die biblische Tradition grundsätzlich positiv gegenüber. Das Christentum hat zur Aufwertung der Arbeit, die in der Antike als zu vermeidendes Übel den Sklaven vorbehalten war, beigetragen. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte kennt ein Recht auf (gute) Arbeit, und unverschuldete Arbeitslosigkeit wurde von Johannes Paul II als „Skandal“ verurteilt. Als bewusste schöpferische Auseinandersetzung ist Arbeit zudem von personaler Bedeutung für die Selbstverwirklichung und soziale Integration. Nun aber hat der Mensch künstliche Intelligenz geschaffen, die ihm die Arbeit vielfach nicht nur erleichtert, sondern – schneller, effizienter, weniger störungsanfällig, billiger – abnimmt. Zurück bleibt der in seiner Würde neuerlich verletzte, vielleicht gar um seine Bestimmung betrogene Mensch.

Nüchternheit tut Not, um derart gravierende Infragestellungen, teils heilsame Ent-Täuschungen, teils faktische oder drohende Verluste zu integrieren, sie zu überwinden oder gar an ihnen zu wachsen. Neben den fünf Abenden zu den „Kränkungen“ in der AKADEMIE am DOM erkunden deshalb weitere Veranstaltungen im WS 2020/21 Chancen in persönlichen, gesundheitlichen und spirituellen Krisen, analysieren aber auch die brandgefährlichen sozialen, politischen, kirchlichen und religiösen Folgen, wenn Vertrauen in Autoritäten und Institutionen missbraucht wird, verlorengeht oder in Misstrauen umschlägt.

Mag. DDr. Ingrid Fischer


Erstveröffentlichung: magazin Klassik, No.18/Herbst 2020, 50-52. [Link]

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