Schmerzfrei

Ein Kommentar von Daniel Deckers

Auch für die Angehörigen der großen und kleinen Religionsgemeinschaften weltweit ist in diesen Tagen nichts mehr so, wie es seit Menschengedenken war und auch nicht anders gedacht werden konnte. Sportereignisse, wissenschaftliche Kongresse oder kulturelle Ereignisse, die der (Re-)Produktion sinnstiftender gesellschaftlicher Ordnungen dienen, lassen sich aufschieben. Die höchsten Feiertage wie Pessach, die Kar- und Ostertage der Christenheit und bald der islamische Fastenmonat Ramadan finden statt – doch das in einer Weise, von der Verächter der Religion immer geträumt hatten.

Was radikale Laizisten immer hofften, aber nicht einmal die Kommunisten wagten, ist in Zeiten der Corona-Pandemie binnen weniger Wochen Wirklichkeit geworden. Religion als kollektives, auf symbolische Kommunikation angelegtes und sich in gemeinsamen Körperpraktiken materialisierendes Sinnsystem ist aus der Öffentlichkeit nahezu vollkommen verschwunden. Das Internet ist dafür nur ein schaler Ersatz. Kein Bild kann Religion in ihrer Sinnlichkeit ersetzen, kein Ton das Überwältigende der Erfahrung gemeinsamen Hörens, Sprechens und vor allem Singens ersetzen. Kein Sederabend in der Gemeinde, keine gemeindliche Karfreitagsliturgie und wohl auch bald kein Fastenbrechen in großer Runde – das „social distancing“ als anscheinend unhintergehbarer Imperativ der Corona-Pandemie macht vor keiner Religion halt.

Welche Folgen diese Zeiten für die Religionsgemeinschaften als solche und für die Religion in der Gesellschaft nach sich ziehen, lässt sich derzeit genauso wenig beantworten wie die Fragen nach den Auswirkungen der Pandemie auf Staat, Wirtschaft und Gesellschaft. Doch ein Zurück zu dem Status quo ante dürfte es kaum geben – vor allem nicht für die Kirchen hierzulande. Denn so schmerzfrei viele Kirchenführer die staatlichen Eingriffe in das Grundrecht der Religionsfreiheit hingenommen haben, so religiös schmerzfrei scheint mittlerweile ein großer Teil der Gesellschaft zu sein. Der Prozess des „social distancing“ von den Kirchen als Sozialformen des Glaubens könnte sich womöglich noch beschleunigen.


Erstveröffentlichung: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 11. April 2020 (Link)

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