Singt das Lob dem Osterlamme

Welches Lied verbinden Sie mit der Feier der Auferstehung Christi? Mit welchen Worten, welcher Melodie würden Sie Ihrer Osterfreude Ausdruck verleihen? Seit über eintausend Jahren erklingt am Ostertag in der Liturgie die Sequenz Victimae paschali laudes, und seit dem 12. Jahrhundert ist das Osterlied Christ ist erstanden zunächst als noch einstrophiges Gemeindelied belegt; unterschiedliche mehrstrophische Erweiterungen lassen sich ab dem 14./15. Jahrhundert feststellen, bis sich im 19. Jahrhundert weitgehend seine heutige dreistrophige Fassung etabliert hat. Beide Gesänge wurden vielfach rezipiert und musikalisch bearbeitet. Martin Luther schuf daraus den Choral Christ lag in Todesbanden, der auch einer berühmten Osterkantate von Johann Sebastian Bach zugrunde liegt. Und beide Osterweisen finden sich in schlichter Form bis heute an prominenter Stelle in den katholischen und evangelischen Gesangsbüchern.

Oster-Staunen

Die dem Dichter Wipo von Burgund (11. Jahrhundert) zugeschriebene Ostersequenz Victimae paschali laudes hat eine Einleitung und drei Doppelstrophen, deren vorletzte Halbstrophe ihres antijudaistischen Textes wegen gestrichen wurde:

Die verbleibenden sechs Strophen bietet auch GL 320. Die Sequenz lädt die Christen ein, dem Osterlamm das Lobopfer (vgl. Hebr 13,15) darzubringen, denn Staunenswertes ist geschehen: im „wunderlichen Kampf“, den Tod und Leben miteinander fochten, lebt und herrscht – obgleich tot – der Herr des Lebens. Als Zeugin wird Maria (von Magdala) befragt, die den Auferstandenen Christus, meine Hoffnung, gesehen hat und weiß, dass er den Seinen nach Galiläa vorausgehen wird. Die Glaubensgewissheit der Christen mündet in die Bitte um das Erbarmen des siegreichen Königs.

Erfolgsrezept: Gemeindebeteiligung

An der vom Klerus getragenen lateinischen Liturgie des Mittelalters konnten sich die Gläubigen, wenn überhaupt, nur mit gottesdienstlichen Rufen (Akklamationen) beteiligen. Aus deren fallweiser Verbindung mit volkssprachigen Texten entstanden die ersten liturgischen Gemeindelieder. Der abschließenden Akklamation Kyrieleis wegen nannte man sie „Leisen“. Das vielleicht älteste Gemeindelied dieses Typs in deutscher Sprache ist die Osterleise Christ ist erstanden.

Zur spätmittelalterlichen Osterfeier am frühen Sonntagmorgen gehörte der Besuch des leeren Grabes (in Anlehnung an Mk 16; Mt 28; Lk 24) mit einer Inszenierung des Dialogs zwischen dem Engel und den suchenden Frauen. Die leeren Leinentücher wurden gezeigt und der Chor sang Surrexit enim, sicut dixit (Er ist auferstanden, wie er gesagt hat), worauf die Gemeinde mit dem Lied Christ ist erstanden antwortete. Der Gottesdienst endete mit dem Te Deum. „Mit dem Christ ist erstanden, das aus der lateinischen Liturgie erwächst und in der lateinischen Liturgie seinen Ort hat, ersingt sich das Volk seinen Platz seinen Platz im Gottesdienst.“ (Hansjakob Becker). Heutzutage nimmt es ihn in der Gefolgschaft vieler Generationen ein, wenn es am Ostertag in das Lied GL 318 einstimmt.

Oster-Theologie

Der Fanfarenstoß der Proklamation Christ ist erstanden resümiert, was Paulus im 15. Kapitel des 1. Korintherbriefs entfaltet: „Wenn aber Christus nicht auferweckt worden ist, dann ist euer Glaube nutzlos und ihr seid immer noch in euren Sünden.“ (1 Kor 15,17) – Des solln wir alle froh sein zeigt die universale Dimension einer solchen Erlösung (vgl. Röm 8,21). Dass Christus nicht allein vom Tod auferstanden ist, sondern von der Marter alle, die ein Menschenleben insgesamt ausmacht, will indes kein Mirakel zeigen, sondern den Hindurchgang des Menschensohnes vom irdischen Leiden zur göttlichen Herrlichkeit (vgl. Lk 24,45f). Unser Trost ist er, weil der Fokus dabei weniger auf dem Warum unserer Verfehlungen als auf dem Wozu unserer Gerechtmachung (vgl. Röm 4,25) liegt.

Die zweite Strophe führt vor Augen, was geschehen wäre, wenn Ostern nicht stattgefunden hätte: So wär die Welt vergangen … Indessen kann die dritte Strophe das Halleluja, den Ostergesang par excellence anstimmen.

Oster-Predigt

Martin Luther hat die Osterleise überaus geschätzt und sie 1524 seinem siebenstrophigen Kirchenlied  Christ lag in Todesbanden zugrunde gelegt. Er nannte es original: Christ ist erstanden gebessert – doch nicht um das Ältere zu kritisieren, sondern um die darin verborgene, noch ungesagte, Predigt zu Gehör zu bringen. Im Rückgriff auf die Ostersequenz verbindet er deren Motive mit denen der Leise sowie der österlichen Finsternis-Licht-Thematik. Seine „Predigt“ spricht ins Hier und Jetzt: „So feiern wir das hohe Fest“  – und bedankt das neue Leben:

Wir essen und leben wohl
In rechten Osterfladen,
Der alte Sauerteig nicht soll
Sein bei dem Wort Gnaden,
Christus will die Koste sein
Und speisen die Seel allein,
Der Glaub will keins andern leben.
Halleluja!

Johann Sebastian Bach hat das Lied Christ lag in Todesbanden schon in frühen Jahren (1707/08?) zu einer ergreifenden gleichnamigen Kantate für den Ostersonntag verarbeitet (BWV 4).


Literaturtipp: Hansjakob Becker, Christ ist erstanden, in: Geistliches Wunderhorn. Große deutsche  Kirchenlieder (Hgg. J. Becker, A. Franz u. a.): München 2001, 29–41.

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