Spricht Gott nur durch die Priester?

Beitrag von Jörg Phil Friedrich, Münster
Erstveröffentlichung: https://www.welt.de/debatte/kommentare/plus240955503/Synodaler-Weg-nach-Bischofs-Eklat-Gott-spricht-nicht-nur-zu-Klerikern.html

Der katholische Geistliche Martin Grichting hat sich in seinem Beitrag zum Synodalen Weg mutig dem Zeitgeist entgegengestellt. Er wagt es, dagegen zu argumentieren, dass sich die katholische Kirche den Prinzipien der Demokratie anbiedere oder unterwerfe. Das klingt unerhört und verdient Respekt. Dennoch sind kritische Einwände gegen seine Argumentation angebracht, sogar notwendig.

Denn die tatsächlichen und unbestreitbaren Ereignisse in der Kirche, die mit dem Wort „Verfehlung“ wohl viel zu euphemistisch gekennzeichnet sind, vor allem die ungezählten Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern und Frauen durch geweihte Priester der katholischen Kirche kommen in Grichtings Argumentation nicht vor. Sie sind es aber, an denen sich die Zukunft der katholischen Kirche entscheiden muss: Eine Gemeinschaft, die keine Antwort auf die Frage findet, wie sie solche Untaten nachhaltig und strukturell verhindern kann, darf keine Zukunft in der menschlichen Gesellschaft haben. Erst recht nicht eine Kirche, die den Anspruch hat, einen liebenden und guten Gott unter den Menschen zu vertreten.

Die Tatsache, der sich die katholische Kirche stellen muss, ist, dass es geweihte Menschen in der Nachfolge der ersten Apostel waren, die niederträchtige Verbrechen gegen Kinder und Frauen begangen haben und die dabei ihre autoritäre Macht als Priester missbraucht haben. Wie ist das möglich? Es ist nur erklärlich, wenn man zugibt, dass da Menschen zu Unrecht, gegen Gottes Willen Priester geworden sind, Menschen, die zum Priesteramt nicht fähig waren, nicht befähigt wurden und die auch durch die Weihe nichts empfangen haben, was sie zu wirklichen Priestern eines guten Gottes gemacht hätte.

Das stellt die Tradition der Priesterweihe nicht grundsätzlich in Frage, es zeigt aber, dass in der Kirche im Laufe der Geschichte etwas passiert sein muss, was Gottes Willen zuwider war und was durch die geweihten Priester offenbar aus eigener Kraft nicht korrigiert werden konnte. Wo soll die Kirche die Kraft und die Wege finden, die sie aus dieser Situation wieder herausführt?

Ignorante Haltung

Grichting ist der Ansicht, dieser Gott offenbare sich selbst im Evangelium und in der Überlieferung der Kirche. Dass Gott sich auch im demokratischen Diskurs des Synodalen Wegs offenbaren könnte, hält er offenbar für ausgeschlossen. Man mag meinen, dass dies dem spezifisch katholischen Verständnis der Selbstoffenbarung Gottes begründet ist. In dieser Sichtweise sind es ausschließlich die geweihten Priester, allen voran der Papst, die die Selbstoffenbarung Gottes richtig deuten und für die jeweilige Gegenwart ausdeuten können. Die ignorante Haltung eines Teils der Bischöfe hat dies in der gestrigen Abstimmung noch einmal bestätigt. Nicht nur, dass sie gegen den Text gestimmt haben, das war ihr gutes demokratisches Recht. Vor allem, dass sie sich zuvor nicht offen an der Debatte beteiligt haben, zeigt, dass sie meinen, hinsichtlich des göttlichen Willens einen privilegierten Zugang zu haben. Anlässlich der ungeheuerlichen Geschehnisse, die geweihten Priestern vorgeworfen werden müssen, wäre mehr Demut angemessen. Aber die Bischöfe, das zeigt auch ihr Beharren auf der eigenen Sperrminorität, sind der Ansicht, dass eine Debatte unter katholischen Laien niemals zu Einsichten in Glaubensfragen gelangen könnte, die den gleichen Status haben wie die Einsichten, die vom Klerus kommen.

Das ist allerdings fragwürdig. Der Bischof von Münster, Clemens August Graf von Galen, hat in seiner berühmten Predigt am 20. Juli 1941 den Gläubigen gesagt, wie sie der Forderung aus der Apostelgeschichte, Gott mehr zu gehorchen als den Menschen, gerecht werden können: „Durch das vom Glauben geformte Gewissen spricht Gott zu jedem von uns. Gehorcht stets unweigerlich der Stimme des Gewissens.“ Es ist also nicht die Ansage aus Rom oder die der Bischofskonferenz, der die Gläubigen zuerst zu folgen haben, im Gegenteil: auch diese sind Menschen, sie sind nicht Gott. Gott spricht im Gewissen zu den Menschen, und dem sollen sie, so sagt es die Apostelgeschichte, mehr gehorchen als den Menschen.

Gott spricht also durch das Gewissen zu jedem gläubigen Menschen. Wahrscheinlich nicht nur im Gewissen, sondern in jeder tiefen Reflexion, in jedem Sinnieren, in jeder wahrhaften Suche nach Einsicht. Und wahrscheinlich auch nicht nur im gläubigen Menschen, sondern in jeder Person, die ehrlich nachsinnt über die Bedeutung des eigenen Lebens, über moralische Konflikte und über die Schönheit der Welt. Aber das wäre ein anderes Thema. Wichtig ist hier, dass Gott sich nicht nur denen offenbart, die ihr Leben ihm geweiht haben, sondern jedem Menschen, der ernsthaft und besonnen Gottes Stimme sucht.

Die katholische Kirche sollte sich deshalb freuen, dass Gott noch immer viele Menschen davon abhält, sie zu verlassen und dazu bringt, sich gemeinsam auf die Suche nach einem guten gläubigen Leben in der Gegenwart zu machen – und dabei Wege zu finden, die Fehlentwicklungen der Vergangenheit, die zu so schlimmen Untaten geführt haben, zu korrigieren. Die Priester der Kirche sollten ihrem Gott dankbar sein, dass er ihnen in dieser größten Not die Hilfe dieser Gläubigen geschickt hat.

Aber auch jene Gläubigen, die sich auf die Suche nach einem neuen Weg für ihre Kirche gemacht haben, müssen bedenken, dass Gott eben nur in der Besinnung, in der Reflexion in der tiefen Selbstbefragung zu ihnen spricht. Für diese Besinnung hilft das Gespräch unter Gleichgesinnten, ja, man kann sogar annehmen, dass Gott den Menschen die Fähigkeit zum Gespräch gegeben hat, weil der Einzelne aus sich gestellt zu der nötigen Tiefe der Einsicht nicht fähig ist. Im aufgeregten Streit, in der aufgeheizten Diskussion, in der sich die Gläubigen in Freunde und Feinde spalten, wird diese Besinnung nicht möglich sein. Nachsicht und Nächstenliebe sind die Voraussetzung für ein Gespräch, in der durch das Gewissen jedes Teilnehmenden die Stimme Gottes hörbar werden kann. Gott ist Liebe, nicht Kampf. Im Gespräch erkennt jeder an, dass auch in der ehrlichen Stellungnahme des Gegenüber Gottes Stimme zu Wort kommt, auch dann, wenn man das, was man da vernimmt, nicht versteht oder bestreitet.

Nicht auf Männer festgelegt

Oft ist allerdings diese Stimme Gottes verschüttet und kaum vernehmbar. Sie ist entstellt durch die Traditionen und Vorurteile, die sich über Jahrhunderte in den Köpfen eingenistet haben. Das sieht man deutlich in der Frage der Frauenweihe. Tausende Jahre Patriarchat haben die einfache Einsicht verborgen, dass Gott in Christus nicht als Mann, sondern als Mensch zu uns gekommen ist, als Mensch, der in jener konkreten Zeit nun einmal Mann gewesen ist und vielleicht gewesen sein muss. Es fällt den gläubigen außerhalb des Klerus mit ihrer alltäglichen Lebenserfahrung heute naturgemäß leichter, zu erkennen, dass aus dieser konkreten Menschwerdung keine Festlegung Gottes auf Männer als geweihte Personen folgt. Wenn die Bischöfe und Kardinäle, die Pfarrer und Vikare diesen Impuls in ihre Reflexionen aufnehmen, werden sie womöglich zu der Einsicht kommen, dass die Frauenweihe dem Katholizismus in keiner Weise widerspricht.

Die Frage des Zölibats hingegen erfordert Reflexion und Gespräch auf allen Seiten. Einerseits hat die Geschichte gezeigt, dass viele Priester der Bürde und dem Anspruch des Zölibats nicht genügen. Der Zölibat ist keine Pflicht, die ein Mensch ohne weiteres übernimmt und einhält. In den Verbrechen von Priestern gegen Kinder und Frauen kommt auch ein Bruch des Zölibats zum Ausdruck, der auch zeigt, dass diese Priester ihren Gottesglauben und ihre Pflicht gegenüber ihrem Gott, die sie sich selbst auferlegt haben, nicht ernst nehmen.

Auf der anderen Seite haben die Verteidiger des Zölibats auch ein Argument, das die Rolle einer Kirche in der Welt sichtbar macht, genauer, die Bedeutung einer Kirche, die sich auch immer außerhalb des geschäftigen und besinnungslosen Treibens der Menschenwelt zu positionieren versucht. Der Zölibat ist, wie auch das Eremitentum, ein Weg und eine Lebensweise der Entsagung, des Versuchs der radikalen Besinnung, die nicht allen Menschen möglich ist, die auch nicht alle Menschen suchen müssen und die von Gott auch nicht von allen Menschen gewollt wird. Aber er ist eine Lebensweise, die in ihrer Radikalität auch ihre Bedeutung hat. Es gibt Menschen, die darin zu Gott finden, und die Verteidiger des Zölibats fürchten womöglich, dass dieser Weg durch die aktuelle Diskussion um seine Abschaffung den Wert überhaupt verliert.

Klar ist: nicht alle Priester können zölibatär leben, das hat die Geschichte hinreichend gezeigt, und dass der Glaube dennoch über Jahrhunderte lebendig geblieben ist, zeigt, dass dies auch nicht notwendig ist. Dennoch sollte der Zölibat als Reinform des Priestertums erhalten bleiben. Er sollte nicht Pflicht für jede und jeden sein, die oder der sich für das Priesteramt berufen fühlt, aber er kann eine geschätzte, ja, bewunderte Weise der besonderen Suche nach Gott sein.

Dem Synodalen Weg ist zu wünschen, dass er ein Ort der Reflexion und des reflektierenden Gesprächs ist, an dem alle Beteiligten in ihrem Innern Gottes Stimme vernehmen können, die ihnen hilft, die anderen Beteiligten zu verstehen und so gemeinsame Wege zu finden, in der Gegenwart ihre Kirche zur Besinnung zu bringen. Verachtung für die Stimmen der anderen und Ideologie-Unterstellungen werden dabei nicht helfen – denn in jeder Stimme kann sich Gottes Wort äußern. Diese zu hören sollte das Ziel auch aller sein, derer, die aus Sorge um ihre Kirche sich engagieren, statt sich abzuwenden, und derer, die als Vertreter des Klerus teilnehmen und vielleicht Zeichen und Winke finden können, die sie in den Priesterseminaren vermissen.


Erstveröffentlichung: https://www.welt.de/debatte/kommentare/plus240955503/Synodaler-Weg-nach-Bischofs-Eklat-Gott-spricht-nicht-nur-zu-Klerikern.html

Wir danken dem Autor und „Welt.de“ für die Genehmigung der kostenlosen Übernahme dieses Beitrags!

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