„Ohne Eros keine Liebe.“ Der Blick auf die Erotik in Amoris Laetitia

Beitrag von Prof. Dr. Martin M. Lintner OSM

Dass es Eros und erotische Liebe in der Tradition der christlichen Sexualmoral nicht leicht gehabt haben, ist hinlänglich bekannt. Noch in der Neuzeit wurde der Eros als begehrendes, besitzergreifendes Streben verstanden, das sich nur schwer mit der sich verschenkenden und hingebenden Liebe versöhnen lässt.

Die „gesunde“ Erotik: Vergnügen und Ehrfurcht

Papst Franziskus geht in Amoris laetitia (2016) auf die Thematik ein. Er sieht in der erotisch begehrenden und in der sich hingebenden Liebe keinen Gegensatz, sondern vielmehr unterschiedliche Facetten der partnerschaftlichen Liebe: Zur schenkenden Vereinigung und gegenseitigen Hingabe gehört die Zärtlichkeit der Freundschaft ebenso wie die erotische Leidenschaft (vgl. Nr. 120). Mit Verweis auf die Katechesen über die Theologie des Leibes von Johannes Paul II. unterstreicht er, dass „das sexuelle Bedürfnis der Eheleute nicht Gegenstand einer Geringschätzung ist und es keineswegs darum geht, diesen Trieb in Frage zu stellen“ (Nr. 150). Vielmehr sei die Erotik eine „spezifisch menschliche Äußerung der Geschlechtlichkeit“, nämlich die „Fähigkeit, der Liebe Ausdruck zu geben: jener Liebe, in welcher der Mensch als Person Geschenk wird“. Das erotische Verlangen hat mit dem Streben nach Lust zu tun, es ist aber auch Ausdruck der Sehnsucht nach der geliebten Person und wird zur beglückenden Erfahrung, sich an ihr zu erfreuen. „Die gesündeste Erotik ist zwar verbunden mit dem Streben nach Vergnügen, setzt aber die Ehrfurcht voraus, und kann deshalb die Triebe vermenschlichen“ (Nr. 151). Franziskus betont mit Nachdruck: „Wir dürfen die erotische Dimension der Liebe keineswegs als ein geduldetes Übel oder als eine Last verstehen, die zum Wohl der Familie toleriert werden muss, sondern müssen sie als Geschenk Gottes betrachten, das die Begegnung der Eheleute verschönert. Da sie eine Leidenschaft ist, die durch die Liebe, welche die Würde des Anderen verehrt, überhöht ist, gelangt sie dahin, eine lautere schiere Bejahung zu sein, die uns das Wunderbare zeigt, zu dem das menschliche Herz fähig ist, und für einen Augenblick ist das Dasein wohlgeraten“ (Nr.  152).

Sexualität als Quelle der Spiritualität

Der Papst bekräftigt die Wende von einer negativen hin zu einer positiven Deutung des erotischen Begehrens und der Erfahrung sexueller Lust. Er ist sich allerdings der Irrungen und Verwirrungen im Bereich des Sexuellen bewusst. Er ist nicht blind oder naiv, sondern weiß, dass der Mensch im Bereich seiner Geschlechtlichkeit verwundbar ist, dass die Sexualität zu einer Quelle von Leid und Manipulation werden kann, und dass viele Menschen Opfer von sexueller Gewalt sind (selbst innerhalb der Ehe). „Trotzdem – so der Papst – darf uns die Zurückweisung der Verirrungen von Sexualität und Erotik niemals dazu führen, diese zu verachten oder zu vernachlässigen“ (Nr. 157). Denn auch die Sexualität kann erfahren werden „als eine Teilhabe an der Fülle des Lebens in der Auferstehung Christi“ (Nr. 317).

Es ist zu wünschen, dass diese christliche Sicht der Sexualität mit all ihren Facetten viele Menschen erreichen kann, denn sie ist eine zutiefst menschliche und realitätsnahe Sicht, die einerseits die Anliegen und Fragen vieler  Menschen heute aufgreift und ernst nimmt, andererseits aber auch Sackgassen, in die die traditionelle Sexualmoral oft gemündet ist, überwindet. Papst Franziskus entfaltet in Amoris laetitia eine gut verständliche und ansprechende Theologie der Sexualität, die für Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen und Beziehungsformen eine große Bereicherung sein kann.


Erstveröffentlichung: Pfarrblatt der Dompfarre St. Stephan (Wien), Herbst 2016, 8.


Martin M. Lintner, Mitglied des Servitenordens, lehrt Moraltheologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Brixen und ist Autor von Den Eros entgiften. Plädoyer für eine tragfähige Sexualmoral und Beziehungsethik, Brixen/Innsbruck 22012.

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