Neues Testament: Vielfalt und Reichtum der Offenbarung Gottes in Jesus Christus

Beitrag von ao. Univ.-Prof. Dr. Martin Stowasser

Die christliche Tradition sieht die Offenbarung Gottes durch sein Heilshandeln in Jesus Christus bestimmt. Person und Werk Jesu Christi offenbaren den Vater, wie das Johannesevangelium zu Beginn formuliert: „Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht.“ (Joh 1,18) Das Fach „Neues Testament“ beschäftigt sich im Konzert der theologischen Disziplinen mit jenen 27 Schriften der Bibel, die auf einzigartige Weise Zeugnis geben von dieser Offenbarung Gottes in Jesus Christus.

Das Neue Testament bietet jedoch nur einen kleinen Teil der vielen christlichen Schriftwerke, die im Laufe des 1. und 2. Jh. n. Chr. entstanden sind. Zunächst ist daher die spannende Frage zu klären, warum gerade diese 27 Schriften ausgewählt wurden und die vielen anderen nicht. In weiterer Folge ist darüber nachzudenken, warum dieses kleine Buch, dessen endgültiger Umfang erst Mitte des 4. Jh. n. Chr. unumstritten feststand, nicht bloß irgendein Buch, sondern die Heilige Schrift schlechthin ist, in der man Gott und seiner Botschaft begegnet. Die Theologie spricht hier von der Frage des Kanons und der Inspiration.

 Jesus (ist der) Christus

Das Neue Testament beinhaltet also die Offenbarung Gottes in und durch Jesus Christus. „Jesus Christus“ klingt zunächst wie ein Name, ist jedoch ein Glaubensbekenntnis: „Jesus ist der Christus“. In diesem kurzen Bekenntnissatz spiegeln sich die zwei großen Perspektiven wider, unter denen sich das Fach „Neues Testament“ mit diesen 27 Schriften beschäftigt: Sie liest sie zunächst als Glaubenszeugnisse, also unter einem theologischen Aspekt. Der Blick ruht dabei auf dem Glauben der ersten ChristInnen, zu dem auch wir uns heute noch bekennen: Jener Mann aus Nazaret ist der sehnlich erwartete Messias Israels – der „Gesalbte“ (was das griechische Wort „Christus“ eigentlich bedeutet) –, den Gott zur Erlösung aller Menschen gesandt hat. Das Fach „Neues Testament“ fragt aber ebenso, wer dieser Jude namens Jesus aus einem kleinen Dorf im Galiläa des 1. Jh. n. Chr. war. Und es fragt weiter, welche Menschen es waren, die erstmals Zeugnis von Jesus dem Christus gaben sowie wann und wo sie darüber schrieben. Das Fach „Neues Testament“ betrachtet das Glaubensbekenntnis „Jesus ist der Christus“ also unter einem theologischen wie historischen Aspekt.

Wie das Fach „Neues Testament“ arbeitet

Für die Beschäftigung mit dem Neuen Testament verwendet man die heute allgemein übliche historisch-kritische Methode. Dabei ist das Wort „kritisch“ nicht im alltagssprachlichen Sinn aufzufassen, als ob die Bibel oder ihre Verfasser kritisiert würden, vielmehr steht hinter diesem Begriff die ursprüngliche Bedeutung des Wortes „prüfen“. Dabei wird ein Text auf seine Aussagemöglichkeiten hin überprüft sowie wie nach jener historischen Situation gefragt, in der er entstanden ist. Diese Methode war in der katholischen Kirche lange umstritten und ruft auch heute noch in konservativen Kreisen Ablehnung hervor. Die Päpstliche Bibelkommission allerdings hat sie 1993 in ihrem Schreiben „Die Interpretation der Bibel in der Kirche“ befürwortet und als „unumgängliche Methode“ eingestuft.

gemeinsam zum Sinn des Textes und zu seiner Botschaft vorstoßen

Die 27 Schriften des Neuen Testaments sind 2000 Jahre alte Texte, in altgriechischer Sprache verfasst. Wer sie liest, muss sie auf vielfältige Weise übersetzen. Aber welche Botschaft jeweils auf den einzelnen Seiten enthalten ist, lässt sich nicht immer leicht und eindeutig sagen. Die Arbeit an den neutestamentlichen Schriften besteht hauptsächlich darin, gemeinsam zum Sinn des Textes und zu seiner Botschaft vorzustoßen. Dazu bedarf es eines genauen Hinhörens auf die Texte, die den meisten durch die Lesung in der Liturgie, durch persönliche Schriftbetrachtung oder noch aus der Schule vertraut sind.

Eine Einladung, die gewohnte Lesebrille abzunehmen

Da der Mensch auch im Religiösen ein „Gewohnheitstier“ ist und sich ungern Neuem aussetzt, besteht beim bibelwissenschaftlichen Zugang zum Neuen Testament ein gewisses Risiko. Das persönliche Vorverständnis, das durch Erziehung, Unterricht, Kirche, aber auch eine spezielle Lebenssituation oder bloße Tagesverfassung geprägt ist, bildet eine unsichtbare „Lesebrille“, die das Verstehen stark beeinflusst. Das Fach „Neues Testament“ lädt dazu ein, diese gewohnte Lesebrille abzunehmen. Häufig machen KursteilnehmerInnen dabei die Erfahrung, dass das, was sie an Neuem erfahren, in Spannung oder auch im Widerspruch zu ihrem bisherigen religiösen Verständnis steht; zugleich eröffnen sich neue, lebendige Perspektiven, die auf unterschiedlichen Ebenen herausfordernd sein können. Diese Erfahrung wird recht unterschiedlich empfunden – manchmal als befreiend, manchmal als verunsichernd; jedenfalls weckt sie nach und nach meist das Interesse an einer vertiefenden Auseinandersetzung mit dem Neuen Testament.

Worauf das Fach „Neues Testament“ zielt

Die Beschäftigung damit, wie die biblischen Bücher entstanden sind, und die Versuche, sie in die damalige kulturelle und religiöse Umwelt einzubetten, hat das Verstehen der überlieferten Texte für den modernen Menschen in Vielem verbessert. Denn diese Bemühungen bilden die Grundlage für die Übersetzung und Weitervermittlung jenes „Offenbarungs-Dialoges“, den Gott zunächst mit Israel (Altes Testament) und dann mit den ChristInnen des 1. Jh. (Neues Testament) geführt hat und der uns in den Büchern der Bibel überliefert ist. Das Fach „Neues Testament“ will also einen Teil dieses „Dialoges“ rekonstruieren und damit verstehbar machen, der mehr als zwei Jahrtausende zurückliegt, von dem ChristInnen jedoch glauben, dass er sie – und alle Menschen – auch heute noch betrifft. Der historische und kulturwissenschaftliche Zugang ist in diesem Fall also durchaus auch ein theologischer und eine wichtige Voraussetzung dafür, das Neue Testament auch für den Dialog mit heute nach Gott suchenden Menschen erschließen zu können.

Mehrdeutigkeit von Texten: ein Reichtum der biblischen Offenbarung

Dieser ungewohnte Zugang erfordert für viele Gläubige Mut. Sie erleben zunächst eine Art Reise in die Vergangenheit, bei der sie die Fremdheit der biblischen Texte noch intensiver und näher erleben, als ihnen zu Beginn lieb ist. Hierbei werden sie außerdem zwangsläufig mit einer Vielzahl von oft widersprüchlichen Interpretationen und historischen Hypothesen konfrontiert. Erst nach und nach reift die Erkenntnis, dass historische Rekonstruktion stets mehrere Sichtweisen des Vergangenen zulässt, dass die Mehrdeutigkeit von Texten einen Reichtum der biblischen Offenbarung darstellt und nicht das Defizit einer Auslegungsmethode. Es wird also deutlich, dass es zum Angebot einer autoritativ dekretierenden, „eindeutigen“ Bibelauslegung, die sich als „fromm“ versteht, auch eine Alternative gibt. Das Postulat einer von „der“ Kirche „immer schon“ vertretenen Erklärung biblischer Texte tröstet nämlich nur so lang, wie die variantenreiche – und seit frühester Zeit widersprüchliche – Auslegungsgeschichte bewusst verschwiegen wird. Das Fach „Neues Testament“ zielt also darauf, der/dem Einzelnen einen zeitgemäßen, methodisch-reflektierten Zugang zu Gottes Wort zu eröffnen und sie/ihn zu einem mündigen und eigenständigen Umgang zu ermuntern. Den persönlichen Dialog mit Gottes Wort kann und will das Fach „Neues Testament“ freilich nicht ersetzen, wohl aber unterstützen.

Werden die religionshistorisch komplexen sowie multikulturellen Wurzeln des Neuen Testaments für Christen und Christinnen wahrnehmbar, so kann dies – über die individuelle Ebene hinaus – auch den gesellschaftlichen und interreligiösen Dialog erleichtern.

Sensibilität für das Gespräch mit dem Judentum

So wird das Fach „Neues Testament“ eine Sensibilität für das Gespräch mit dem Judentum schaffen. Es muss deutlich werden, dass der zweite Teil der christlichen Bibel den ersten Teil, das Alte Testament, zwar fortschreibt, damit aber dem Judentum sein „Erstgeborenenrecht“ niemals streitig machen kann und darf. Weiters eröffnet die zeitliche und kulturelle Distanz zur antiken Welt des Neuen Testaments, welche die historisch-kritische Zugehensweise bewusst macht, die Chance, seine Botschaft neu zu hören und die Glaubenstradition lebendig zu erneuern. Dieses Wagnis einzelner Gläubiger, sich von bisher Gewohntem zu entfernen, ermöglicht es, dass die Bibel ihre Kraft zur innerkirchlichen Erneuerung entfaltet. Denn so kann sie theologische Positionen und etablierte Strukturen als zeitbedingt und durchaus veränderbar entlarven. Ein Blick auf die gesellschaftlichen Aufbrüche und Veränderungen, die die Anfänge des Christentums kennzeichnen und die uns das Neue Testament überliefert, erschließt ebenso dessen kritisches Potential gegenüber der Gesellschaft und bietet ihr Gottes Botschaft als heilsam liebende Zuwendung zum Menschen an.

Das Fach „Neues Testament“ versucht somit die neutestamentlichen Texte theologisch wie historisch zu erschließen, sie für die/den Einzelne wie für die Kirche von heute fruchtbar werden zu lassen und den Dialog mit dem Judentum sowie der modernen Gesellschaft zu fördern.

Erstveröffentlichung: theologie aktuell. Die Zeitschrift der THEOLOGISCHEN KURSE, Sonderheft / 31. Jh. 2015/16, S. 33-36.

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