Karsamstag (nicht nur 2020): Ausharren in der Krise

Die Welt hält derzeit den Atem an – und verfolgt gebannt die Entwicklung der Pandemie des CoViD-19: für unsere globalisierte Welt steht sehr viel auf dem Spiel. Zugleich nähert sich jener Tag, an dem alles, das Schicksal der ganzen Schöpfung, auf dem Spiel stand.  Als Tag der Krise (gr. krisis, Entscheidung) ist der Karsamstag in jedem Jahr ein liturgisch unvergleichlicher Tag im kirchlichen Leben.

Kein liturgiefreier Tag

Im kirchlichen Jahresverlauf gibt es Höhepunkte, Festzeiten und den „Jahreskreis“ genannten liturgischen Alltag. Wir unterscheiden die wechselnden Zeiten in allen Gottesdienstformen anhand der Schriftauswahl, spezieller Gesänge und – augenfällig – der liturgischen Farben. Doch kein einziger der 365 und in Schaltjahren 366 Tage vergeht ohne gottesdienstliche Feier! Ausnahmslos keiner. Leider führt die gängige kirchliche Redeweise vom Karsamstag als „liturgiefreier Tag“ hier auf eine falsche und dürre Fährte: vorbei an der sprudelnden Quelle österlicher Spiritualität, die an diesem nur an der Oberfläche „stillsten“, tatsächlich aber unerhört dramatischen Tag aus der „Trauermette“ der Tagzeitenliturgie (vor allem der Lesehore/Vigil) geschöpft werden kann. Hinabgestiegen in das Reich des Todes

Hinabgestiegen in das Reich des Todes

Im Credo bekennt die Kirche den Abstieg Christi „in das Reich des Todes“ (lat. descensus), also das echte Gestorbensein des wahren Menschen Jesus. Ins Grab gelegt, hinterlässt er eine „tote“ Welt: die Frauen trauern, doch die „Friedhofsruhe“ trügt. Denn das Pascha Christi – sein Durchgang vom Tod ins (neue) Leben – bedeutet einen Umsturz von ungeheurer Dynamik: die Entmachtung des Todes und „Erbeutung“ aller ihm Verfallenen. In ihrem Schattenreich (bibl. Scheol, Unterwelt) ist Christus der einzig „Freie unter den Toten“. Der resignierte Psalmvers Ps 88,6 „entlassen bin ich unter die Toten“ (= vom Leben abgeschnitten, ihnen gleich) wird so in christlicher Deutung zum Erweis der göttlichen Souveränität des Gekreuzigten – und zu einer theologischen „Kurzformel“ des Ostergeschehens.

Was ist „dort“ geschehen?

Doch allein der „wahrhaft seligen Nacht“ von Ostern „war es vergönnt, die Stunde zu kennen“, heißt es im Exsultet der Paschavigil: „Dies ist die selige Nacht, in der Christus die Ketten des Todes zerbrach und aus der Tiefe als Sieger emporstieg … O wahrhaft heilbringende Sünde des Adam, du wurdest uns zum Segen, da Christi Tod dich vernichtet hat. O glückliche Schuld, welch großen Erlöser hast du gefunden!“

Über das Geschehen „zwischen“ der Grablegung und der Auffindung des leeren Grabes schweigt die Bibel – aber nicht ganz: Christus sei „dem Fleisch nach zwar getötet, aber dem Geist nach lebendig gemacht“ worden und „in ihm ist er auch zu den Geistern gegangen, die im Gefängnis waren, und hat ihnen gepredigt. (1 Petr 3,18f) Auf dieses rätselhafte Schriftwort gründet sich das Motiv des Descensus Christi.

Das Tor der Schrecken tut sich auf …

Es zu meditieren helfen Gesang, Ikonografie und das Stundenbuch. Anschaulich ist es in der orthodoxen Ikone der Anastasis (gr. Auferstehung) ins Bild gebracht: Christus steht auf den zerbrochenen Pforten der Hölle, den Tod gefesselt zu seinen Füßen; er aber führt, nein, reißt Adam und Eva an den Handgelenken aus dem Abgrund, in dem sie und das ganze Menschengeschlecht gefangen waren. Doch um welchen Preis wurde dieser Sieg errungen!

In der Früh des Karsamstags wird in der „Trauermette“ seit dem 7. Jh. Ps 24 gesungen, eine „Tor-Liturgie“ anlässlich des Einzugs/Eintritts eines Herrschers; dazu die Antiphon (Kehrvers): „Hebt auch, ihr uralten Pforten! Es kommt der König der Herrlichkeit!“ (V. 7.9) Dieser Psalm „erzählt“ in österlicher Lesart jenen Herrschaftswechsel in der Scheol, den ein traditionelles Responsorium desselben Tages atemberaubend schildert: „Das Tor der Schrecken tut sich auf: Die Mächte der Hölle erschaudern beim Anblick des Höchsten. Der über die Himmel regiert, steigt hinab in die Tiefe des Abgrunds …“.

Anastasis, Istanbul (c) Steven Zucker

Tod und Leben, die kämpften unbegreiflichen Zweikampf

Selbst am Ostersonntag wird die Ostersequenz Victimae paschali laudes noch einmal darauf zurückkommen: Mors et vita duello– „Tod und Leben, die kämpften unbegreiflichen Zweikampf; des Lebens Fürst, der starb, herrscht nun lebend.“ (GL 320)

Mehr als die vermeintliche Stille und öde Leere des Karsamstags ist also in den Worten Martin Luthers jener um unseretwillen geführte „wunderliche Krieg“ auszuhalten, „da Tod und Leben rungen“. Denn erst in der Osternacht kommt die Entscheidung ans Licht: „Das Leben, das behielt den Sieg, es hat den Tod verschlungen. Die Schrift hat verkündet das, wie ein Tod den andern fraß – ein Spott aus dem Tod ist worden.“ Darin gründet das Osterlachen.

Weggegangen ist unser Hirte …

Bis dahin – den ganzen Karsamstag als ihrem Schicksalstag über – hält die Welt freilich den Atem an und harrt des noch ungewissen, aber erhofften Kommenden: in ihrer tiefsten Krise wird sie Zeugin des göttlichen Ringens um die Menschheit; mit dem Tod Jesu schien sie alles endgültig verspielt zu haben; doch sein „Weggehen“ hat den guten Hirten in den Abgrund menschlichen Daseins geführt, um zu suchen und endgültig zu retten, was verloren war:

Weggegangen ist unser Hirte,
der Quell lebendigen Wassers.
Bei seinem Hinübergang hat sich die Sonne verfinstert;
denn gefesselt ist jener,
der den ersten Menschen gefangen hielt.
Heute hat unser Erlöser die Tore
und Riegel des Todes alle zerbrochen.

Vor dessen Angesicht flüchtet der Tod,
auf seinen Ruf erstehen die Toten.
Die Pforten des Todes zerbarsten, als sie ihn schauten. (Responsorium am Karsamstag)

DDr. Ingrid Fischer, THEOLOGISCHE KURSE


HINWEIS: Die Texte der Tagzeitenliturgie finden Sie auf: https://www.stundengebet.de/jetzt-beten/#gebet

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