„Eine Mücke ist kein Elefant.“ Eine differenzierte Betrachtung der Tierwürde (Tierethik T. 4)

Beitrag von Prof. Dr. Martin M. Lintner OSM

„Das Tier“ gibt es nicht. Tiere unterscheiden sich durch artspezifische und individuelle Merkmale, Bedürfnisse und Fähigkeiten. Diese wahr- und ernstzunehmen, ermöglicht eine differenzierte tierethische Zugangsweise.

Die Initiative „Keine Massentierhaltung in der Schweiz“ führt für ihr Begehren neben ökologischen und gesundheitlichen auch rechtliche und tierethische Argumente gegen die Massentierhaltung an: Sie würde den Verfassungsgrundsatz des Tierschutzes verletzen. Unter Berufung auf Art. 120 der schweizerischen Bundesverfassung, in dem von der „Würde der Kreatur“ die Rede ist, wird die intensivlandwirtschaftliche Tierhaltung als Verletzung dieser Würde gewertet. Dabei geht es erstens darum, dass das Nutztier in einer intensiven, ökonomisch möglichst effizienten Nutzung lediglich als eine zu optimierende ökonomische Ressource behandelt wird, sodass dessen Eigenwert nicht mehr geachtet wird, und zweitens darum, dass bei dieser Form von Tierhaltung die grundlegenden Bedürfnisse eines Tieres nicht genügend berücksichtigt werden.

Die Rede von der „Würde der Kreatur“ bedarf der inhaltlichen Präzisierung. Dabei sind mehrere Aspekte zu bedenken. Einmal bleibt inhaltlich zu klären, was mit „Würde“ genau gemeint ist, da bereits in Bezug auf die Menschenwürde eine klare inhaltliche Definition nicht leicht fällt und philosophisch mitunter kontrovers diskutiert wird. Sodann wurde der Würdebegriff herkömmlich dem Menschen vorbehalten. Es ist deshalb zu fragen, ob dieser Begriff nun inhaltlich deckungsgleich auf die Tiere ausgeweitet werden soll oder ob er in Bezug auf Menschen und Tiere auf unterschiedliche Weise angewandt wird. Eine weitere Frage ist schließlich, ob die Anerkennung einer „Würde des Tieres“ konkret das Tierwohl fördert, also praktische Auswirkungen zugunsten der Tiere hat. Offensichtlich war die verfassungsrechtliche Anerkennung der „Würde der Kreatur“ dem Anliegen einer Landwirtschaft, die sich auch dem Tierwohl verpflichtet weiß, bisher nur begrenzt dienlich. Vielleicht auch deshalb, weil sie ursprünglich die missbräuchliche Anwendung von Gentechnik im außerhumanen Bereich verhindern sowie die genetische Vielfalt der Tier- und Pflanzenarten schützen wollte, also nicht den Schutz des einzelnen Lebewesens zum Ziel hatte.

Wie ist meines Erachtens die Würde des Tieres zu verstehen?[1] Dass wir Tiere und Menschen unterschiedlich behandeln, halte ich für eine richtige moralische Intuition. Ebenso machen wir im Umgang mit den unterschiedlichen Tieren eine Differenz, weil es „das Tier“ nicht gibt. Auch wenn wir manchmal „aus einer Mücke einen Elefanten machen“, behandeln wir – um beim sprichwörtlichen Vergleich zu bleiben – eine Mücke grundsätzlich anders als einen Elefanten. Wir machen beispielsweise einen Unterschied zwischen Tieren, die schmerzempfindlich sind oder nicht. Es gibt so etwas wie eine Stufenleiter oder Hierarchie der Organismen. Es besteht eine Differenz zwischen Tieren wie Würmern, Schnecken oder Insekten, bei denen die Forschung bis heute davon ausgeht, dass sie keine Schmerzwahrnehmung haben, und jenen, die schmerzempfindlich sind. Bei Tieren, die schmerzfähig sind, ist wiederum zu unterscheiden, ob sie neben der Fähigkeit zu Schmerzreaktionen auch subjektive Empfindungen von Schmerzen wahrnehmen, oder ob es sich um einen rein physiologischen, subjektiv aber nicht wahrgenommenen Reiz-Reaktions-Prozess handelt. Bei Tieren mit Schmerzempfindungen, die affektive Empfindungen auslösen, ist zu differenzieren, ob sie zusätzlich dazu auch kognitive Fähigkeiten aufweisen, die auf ein – wenn auch rudimentäres – Vorhandensein von Bewusstsein schließen lassen – z. B. Primaten, Delfine, Kraken und Schweine. Deshalb vertrete ich die Position einer abgestuften Schutzwürdigkeit von Tieren, bei der es nicht um die Zuschreibung einer Wertung aus der menschlichen Perspektive geht, sondern darum, jene Bedürfnisse, Qualitäten und Fähigkeiten wahrzunehmen und zu berücksichtigen, die ein Lebewesen von sich aus hat – und zwar sowohl als artspezifische Merkmale wie auch auf der individuellen Ebene. Jeder Hundehalter weiß z. B., dass Hunde nicht nur gleiche artspezifische Bedürfnisse haben, sondern auch individuell unterschiedliche Charaktere.

In Abwandlung des Kant’schen kategorischen Imperativs möchte ich deshalb meine Position wie folgt auf den Punkt bringen: „Handle so, dass du die Tiere sowohl im einzelnen Individuum wie in der Gesamtgemeinschaft der Tiere nie bloß als Mittel zur Befriedigung eigener Interessen und Bedürfnisse brauchst, sondern ihnen zugleich auch entsprechend ihren je eigenen artspezifischen und individuellen Bedürfnissen, emotionalen Vermögen und kognitiven Fähigkeiten gerecht wirst.“ Mit diesem Ansatz halte ich an der Differenzierung zwischen Menschen und Tieren fest. Als einen Grund dafür möchte ich die Begründung des ethischen Handelns nennen. Diese Argumentation verwendet auch Papst Franziskus in seiner Umwelt- und Sozialenzyklika Laudato si’ (2015). Er lehnt zunächst einen radikalen Anthropozentrismus ab und nennt ihn fehlgeleitet und despotisch. Er versteht darunter jene Form von Beziehung zu den anderen Lebewesen, die sie auf ihren instrumentellen Nutzen reduziert oder auf eine technisch-ökonomische Rationalität verengt. Stattdessen mahnt er ein, den Eigenwert eines jeden Lebewesens anzuerkennen und zu achten (vgl. Nr. 68, 69, 119). Die Voraussetzung für diese Forderung ist, dass der Mensch die Fähigkeit hat, den Eigenwert eines jeden Lebewesens zu erkennen und sich dafür zu entscheiden, ihn zu achten. Franziskus argumentiert: „Man kann vom Menschen nicht einen respektvollen Einsatz gegenüber der Welt verlangen, wenn man nicht zugleich seine besonderen Fähigkeiten der Erkenntnis, des Willens, der Freiheit und der Verantwortlichkeit anerkennt und zur Geltung bringt“ (Nr. 118). Von Tieren verlangen wir nicht moralische Standards in ihrem Verhalten, von einem Menschen sehr wohl. Warum halte ich diese Unterscheidung für wichtig? Weil nach dem Verständnis von Kant die Selbstzwecklichkeit des Menschen genau in seiner Fähigkeit zur sittlichen Selbstbestimmung gründet. Das macht die Würde des Menschen aus. Würden wir nun dieses Verständnis von Würde auf die Tiere übertragen, dann würden wir damit den Tieren die Beweislast dafür aufhalsen, ob sie diese Fähigkeit zur sittlichen Selbstbestimmung haben. Die Beweislast dafür, dass wir uns den Tieren gegenüber moralisch verhalten sollen, liegt jedoch nicht bei den Tieren, sondern der Grund dafür ist die Einsichts- und Moralfähigkeit des Menschen. Die moralische Verantwortung des Menschen schließt immer auch die Folgen seines Handelns mit ein und weitet sich somit auf alle Lebewesen aus, mit denen er in Beziehung steht und die von seinem Verhalten und Handeln unmittelbar oder mittelbar betroffen sind. Der Mensch ist rechenschaftspflichtig dafür, wie er mit Tieren umgeht. Seine Beziehung zu den Tieren muss aus dieser verantwortungsethischen Perspektive so gestaltet werden, dass er dabei nicht nur eigene Bedürfnisse befriedigt oder Interessen verfolgt, sondern zugleich auch den artspezifischen und individuellen Bedürfnissen und Fähigkeiten eines Tier gerecht wird bzw. sie berücksichtigt.

Um zur Ausgangsfrage zurückzukehren: Wie sollen wir die „Würde des Tieres“ schützen? Wir tun dies, indem wir unserer Würde als Menschen gerecht werden und moralisch handeln – auch gegenüber den Tieren! Damit fordern wir von uns Menschen etwas ein, was wir von einem Tier nicht verlangen. Deshalb halte ich es für gerechtfertigt, den Würdebegriff dem Menschen vorzubehalten und in Bezug auf die Tiere von „Eigenwert“ zu sprechen. Die Einebnung der Mensch-Tier-Differenz ist dem Anliegen des Tierschutzes meines Erachtens nicht dienlich. Aber wie immer man argumentieren mag, im Letzten geht es darum, dass wir faktisch und konkret unseren Umgang mit den Tieren neu bedenken und wesentlich verbessern, dass wir – im eigentlichen Sinn des Wortes – menschlicher mit ihnen umgehen. Das bedeutet, dass wir Tiere nur dann nutzen sollen, wenn wir zugleich bereit sind, ihre grundlegenden Bedürfnisse zu respektieren bzw. zu befriedigen und es ihnen ermöglichen, ihren Fähigkeiten entsprechend zu leben.

Ich teile deshalb die Forderungen der Antimassentierhaltungsinitiative. Die Lebens- und Haltungsbedingungen der allermeisten Nutztiere müssen wesentlich verbessert werden. Hier haben alle Mitglieder der Gesellschaft mitzuwirken. Auch als Konsumentinnen und Konsumenten sind wir mitverantwortlich dafür, wie die Lebens- und Schlachtungsbedingungen von Nutztieren gestaltet sind. Das Problem betrifft aber auch die Haustiere – ich denke z. B. an die Qualzucht bei Haus- und Heimtieren – sowie viele Wildtiere – erinnert sei beispielsweise an die sehr emotional und kontrovers geführten Diskussionen über die Regulierung von Wildbeständen durch die Jagd oder über die Rückkehr der Großraubtiere wie Wolf und Bär. Unsere Mensch-Tier-Beziehung ist in vielen Belangen zutiefst ambivalent. Das sollte uns zu denken geben.

Martin M. Lintner, PTH Brixen

[1] Ich werde im Folgenden kurz meine Position darstellen, die ich in meinem Buch im Detail entfaltet und begründet habe: Der Mensch und das liebe Vieh. Ethische Fragen im Umgang mit Tieren, Innsbruck (Tyrolia) 2017.


Erstveröffentlichung: Schweizerische Kirchenzeitung 187 (2019) Heft 5 (14.03.2019), 86–87.

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