Predigt von Hans Kessler am 16.1.2022 in Werther/Westf. (zu Joh 2,1-11: Hochzeit zu Kana)

Liebe Gemeinde!

Was für eine Erzählung!   Bei Auslegern hat sie immer wieder Verlegenheit hervorgerufen: Die Schroffheit, mit der Jesus seine Mutter anspricht, die riesige Menge Alkohol (circa 600 Liter) für eine kleine dörfliche Hochzeitsgesellschaft, keineswegs notwendig, vielleicht sogar bedenklich. – Um diese Kana-Erzählung halbwegs zu verstehen, muss man die Situation des JohEv beachten. Was sagt die Forschung dazu?

Das JohEv wurde abgeschlossen um 100 an der Westküste Kleinasiens, im Raum Ephesus und Smyrna (Ismir heute). Es richtet sich an ein Netz von Gemeinden, die voller Konflikte waren. Diese Gemeinden bestanden einerseits aus Juden, die Christen geworden waren (Judenchristen), die dann von der lokalen Synagoge ausgeschlossen wurden und nach römischem Recht schutzlos waren  (manche wollen deshalb zurück zur Synagoge: „wollt auch ihr gehen?“, und es fallen bittere, harte Worte gegen „die Juden“), andererseits gab es in diesen Gemeinden immer mehr Heidenchristen, in deren Umkreis griechische Götter (wie Artemis oder der Weingott Dionysos) populär waren. Auf diesem Hintergrund erzählt das JohEv die Geschichte Jesu anders als die früheren synoptischen Evangelien Mk, Mt, Lk.  Es will diese nicht verdrängen. Aber es schreibt die Geschichte Jesu neu.

Es geht nicht mehr vorrangig um das irdische Wirken Jesu und seine Botschaft von Gott, sondern es wird die Göttlichkeit Jesu auf der irdischen Bühne inszeniert.[1]

Der irdische Jesus hatte ja die Herrschaft Gottes verkündet (die jetzt anfangen will, klein wie ein Senfkorn, und wachsen will). Der johaneische Jesus verkündet nicht die Gottesherrschaft, sondern sich selbst: „Ich bin der gute Hirt, der Weinstock, das Brot des Lebens, das Licht der Welt, ich bin der Weg die Wahrheit und das Leben, das lebendige Wasser“ (wer davon trinkt, dessen tiefster Lebensdurst wird gestillt). Dazu dann lange, kunstvoll gestaltete Reden und Gespräche (mit Nikodemus, mit der Frau am Jakobsbrunnen, usw.).
So hat der irdische Jesus nicht gesprochen, so lässt ihn das spätere JohEv sprechen, das tiefer zu blicken und Jesu universale Bedeutung herauszuarbeiten versucht: Jesu Kommen in die Welt als Antwort auf die Urfragen und tiefsten Sehnsüchte der ganzen Menschheit.
Das JohEv versteht sich nicht als eigenmächtige Veränderung, sondern als vom Geist bevollmächtigter Neuentwurf. Jesus ist abwesend, seine Gemeinde sieht sich verwaist, „gehasst“ von der ungläubigen Umwelt (15,18f; 17,14), aber Jesus hat ja angekündigt, einen Platzhalter zu senden, den „Beistand“, den „Geist der Wahrheit“, und der „wird euch in alle Wahrheit ein-führen“ (lässt das JohEv Jesus in den Abschiedsreden sagen: 16,13).  In der schwierigen neuen Situation bedarf es eines neuen Wortes, das heute trifft und die Gemeinden stärkt.
Deshalb ist das JohEv voll tiefer Symbolworte und Symbolgeschichten.

Was Jesus im JohEv wirkt, sind „Zeichen“, die Taten haben Zeichencharakter und verweisen auf ihn, den Heilbringer von Gott her. Am Ende des heutigen Ev heißt es: „Dies tat Jesus in Kana als Anfang seiner Zeichen und offenbarte seine Herrlichkeit, und seine Jünger glaubten an ihn (vertrauten auf ihn).“[2] 
Alle Zeichen sind im Vergleich zu den synoptischen Erzählungen dramatisch gesteigert (während z.B. bei Mk die Tochter des Jairus im Sterben liegt, ist bei Joh Lazarus schon 4 Ta-ge im Grab und riecht schon – das drastische Zeichen soll das Wort symbolisieren „ich bin die Auferstehung und das Leben, wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er gestorben ist“).
Und jetzt die Hochzeit zu Kana in Galiläa. Der Ort ist nirgends im ganzen NT erwähnt, nur im JohEv. Die Mutter Jesu ist anwesend (ihr Name wird nicht genannt). Das JohEv bringt sie hier und dann noch in der Szene unter dem Kreuz, zusammen mit dem Lieblingsjünger: der ist eine Idealfigur, welche die joh. (auch heiden-christliche) Gemeinde symbolisiert, und die Mutter Jesu symbolisiert das Juden-christentum, aus dem die Gemeinde hervorgegangen ist und von dem sie sich nicht trennen soll („Frau, siehe, dein Sohn!“ und zum Lieblingsjünger „Siehe, deine Mutter!“ Da nahm er sie auf in sein Haus). Das ist symbolisch zu verstehen und nicht historisch verwertbar.

[Historisch war es so, wie es in Mk 3,21.31ff und 6,1-4 steht: Jesu „Mutter und seine Brüder“ kamen von Nazaret hinab an den See Genezaret, um Jesus nach Hause zurückzuholen, weil sie ihn für „verrückt“ hielten; hatte man doch über ihn gehört, dass er sich als Bringer der Gottesherrschaft sah, Sünden vergab, sich mit Randexistenzen der Gesellschaft umgab. Deshalb will man ihn zurückholen. Aber man muss ohne ihn nach Nazaret zurückkehren. Jesus hatte ihnen zu verstehen gegeben: „wer den Willen Gottes tut, der ist mir Bruder und Schwester und Mutter“. Die Familie wie sein ganzes Heimatdort Nazaret hatten die Verbindung mit ihm abgebrochen. Deshalb ist vom Familienclan auch niemand bei Jesu Kreuzigung und Grablegung dabei. Erst nach der Ostererfahrung des Herrenbruders Jakobus ziehen sie hinauf nach Jerusalem, sind in der Urgemeinde.
Erst dann, aber dann sind sie wirklich in der Urgemeinde. Und deswegen hat die Pietá ihr Recht, dieses bewegende Bild der Mutter mit dem toten Sohn auf ihrem Schoß. Und all die andern Bilder.]

Bei der Erzählung von der Hochzeit zu Kana gibt die Mutter den Anstoß zum ersten Zeichen Jesu, sie weist ihn auf das Fehlen von Wein hin. Und dann ist plötzlich Wein im Überfluss da, für eine dörfliche Hochzeitsgesellschaft eine maßlose Menge (6 Steinkrüge mit je 100 Liter).
Bei den Propheten Israels ist Überfülle von Wein Kennzeichen der messianischen Heilszeit: Gott wird allen Völkern ein üppiges Festmahl bereiten mit alten, köstlichen Weinen (heißt es z.B. Jes 25,6). [Und Jesus wurde wegen seiner offenen Mähler „Freund von Sündern, Fresser und Säufer“ geschimpft.]

Doch die joh. Misch-Gemeinden leben auch in einer Welt, wo der Dionysos-kult populär ist: Dionysos, Sohn des Zeus, ist der Gott des Weines, in antiker Literatur heißt es mehrfach, dass er auf wunderbare Weise große Weinmengen beschafft. Nun sagt die Kana-Erzählung: was andere bei Dionysos suchen, das kann bei Jesus wirklich gefunden werden: Lebensfreude, Erfüllung des tiefsten Lebensdurstes, Heil von Gott her, „Leben in Fülle“(Joh 10,10).

Noch zwei andere Züge in der Kana-Erzählung:
Zum einen: Jesu Antwort an die Mutter zeigt eine ungewöhnliche Distanz, schon die Anrede „Frau“ und dann die ganze Frage: „was willst du von mir?“ Und was soll die Begründung: „Meine Stunde ist noch nicht gekommen“?
Die Stunde“ ist ein wichtiges Motiv im JohEv. Sie ist viel mehr als eine zeitliche Maßeinheit: sie umfasst die Passion und den Tod Jesu, aber auch die Erhöhung zum Vater und die Geistgabe. Die Stunde verweist also auf den Sieg über den Tod und auf die Erfüllung. Und  diese Erfüllung leuchtet jetzt, in der symbolischen Kana-Erzählung, nur erst schon mal auf, im Zeichen, das seine „Herrlichkeit offenbart“.
Zum andern: die Mutter sagt den Bedienenden: „Was immer er euch sagt, das tut!“ Eine eigenartige Rollenverschiebung: Jesus gerät in die Rolle des Hausherrn, der Anweisungen geben kann, dabei ist er doch Gast. Diese Rollenverschiebung ist für die Leser und Hörer des Ev ein Fingerzeig: denn eben darauf kommt es letztlich an, das zu tun, was Jesus sagt.
Und wie fasst das JohEv das, was Jesus sagt, immer wieder zusammen? „Liebt einander, wie ich euch geliebt habe“ (13,34f; 15,12; 17,20-26). Also: Orientierung an Jesus: Was würde er heute in unserer Situation tun? Was würde er jetzt an meiner Stelle tun? Was würde er mir sagen? „Was immer er euch sagt, das tut!“ Aus unserm Tun kann Erfreuliches werden, Wunderbares.


Predigt von Prof. Dr. Hans Kessler (Universität Frankfurt am Main)

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Anmerkungen:

[1] Jesus kommt von Gott, durchschreitet Leben und Leiden souverän, und kehrt wieder zu Gott zurück. Damit bahnt er den Seinen einen Weg und bereitet ihnen einen Platz im Vaterhaus: „ich werde euch zu mir holen, damit auch ihr dort seid, wo ich bin“ (Joh 14,3).

[2] Und am Ende von Kap 20 wird es heißen: „Noch viele andere Zeichen tat Jesus vor den Jüngern, die in diesem Buche nicht aufgeschrieben sind. Diese aber sind aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus, der Sohn Gottes ist und damit ihr … in seinem Namen Leben habt.“

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