Ist Beichten entwürdigend?

Ja, ich stimme zu: In (zu) vielen Fällen ist es wohl so gewesen. Selten hat ein „Mittel zum Heil“ über Generationen hinweg so viel Verzweiflung, Erniedrigung und geistlichen Schaden angerichtet wie das Sakrament der Versöhnung. Man ist versucht, mit all jenen Menschen aufzuatmen, die sich davon freigemacht haben, sich schuldig zu fühlen, wo sie keine Schuld trifft, sich Lebensfreude zu versagen oder (neues) Lebensglück schlechtreden zu lassen, sich für „Vergehen“ zu bezichtigen, die keine sind – und darüber ihre Erlösung und Heiligung in Christus beinahe ganz zu vergessen.

Es hatte doch aber ganz anders begonnen: Versagen, Scheitern, Schuld und Tod sind Existentiale des Menschen. Der biblische Gottesglaube nimmt dies ernst und eröffnet Wege aus dem tödlichen Dilemma: Das Pascha-Mysterium Christi („Ostern“) – sein Leiden, Sterben und sein Durchgang von Tod ins Leben – ist hierfür letztgültiger Garant. Ihm in der Taufe zu folgen versöhnt für immer mit Gott (2 Kor 5,20); Eucharistie zu feiern nährt diese Gewissheit Sonntag für Sonntag. Das hatte solange „zum Heil genügt“, bis Christen in der Verfolgung des 2./3. Jhs. ihrem Glauben abschworen, später aber wieder in die Kirche zurückkehren wollten.

Die Frage der Wiederaufnahme war schwierig zu lösen, denn eine zweite Taufe kam für die Großkirche nie in Frage – als wahrhaftes Fundament der Versöhnung mit Gott war und ist sie unwiederholbar. Die Einrichtung der Großen Büßeraussöhnung („Rekonziliation“, kanonische Buße) – in Anlehnung an den Katechumenat – sollte schließlich im Falle kirchentrennender Schuld die (wie die Taufe einmalige) Wiederaufnahme in die „Gemeinschaft der Geheiligten“ ermöglichen. Ihr mussten jedoch ehrliche Schuldeinsicht („Bekenntnis“) und glaubwürdige Lebensrevision („Buße“) vorausgehen. So betete der Vorsteher gemäß Ordo Romanus 50 (10. Jh.): „Bruder, schäme dich nicht deine Sünden zu bekennen, denn auch ich bin ein Sünder und habe vielleicht Schlimmeres getan als du … Danach werfe sich der Priester mit dem Büßenden zu Boden und spreche das Herrengebet mit diesen Bitten: Herr, kehre meine Seele um und befreie sie …“ Ähnlich das Sakramentar von Vich (11. Jh.), das zudem die Beteiligung aller an der Wiedergewinnung des Sünders/der Sünderin erläutert: „Sooft wir Christen, die zur Buße herantreten, Fasten auferlegen, müssen auch wir uns mit ihnen eine oder zwei Wochen lang daran beteiligen oder, soweit wir es können, fasten, damit man uns nicht sagt …: Weh euch, ihr Gesetzeslehrer, die ihr es den Menschen schwer macht und schwere und untragbare Lasten auf ihre Schultern legt, selbst aber eben diese Lasten auch nicht mit einem Finger anrührt (Lk 11,46). Niemand kann einen, der unter der Last fällt, aufheben, außer er beugt sich nieder und streckt ihm die Hand entgegen …“. Wenn also „ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit“ (1 Kor 12,26).

Diese solidarische Spiritualität und Einbindung der Gemeinde gingen mit der Durchsetzung der weniger aufwändigen, wiederholbaren und unterschiedslos auf alle Sünden anwendbaren „Tarifbuße“ (ab 5./6. Jh.) verloren, die für die heutige Einzel- oder Ohrenbeichte Pate stand. Damit gewann auch der „Beichtvater“ eine andere Auffassung von seinem Amt: „Da die Entgegennahme der Beichte auch körperliche Ermüdung verursacht, ist es dem Priester gestattet, bei der Spendung des heiligen Bußsakramentes zu sitzen; ohnehin entspricht diese Stellung dem Charakter des Bußsakramentes, das ein Gericht ist, in welchem der Priester die Funktion des Richters versieht.“ – so ein einschlägiges Handbuch aus den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts. Dem priesterlichen „Zu-Gericht-Sitzen“ entsprach das „Zu-Kreuz-Kriechen“ der Pönitenten …

Die Erfahrung der Beichte als entwürdigend kann also sehr unterschiedliche Gründe haben: Herablassung, Indiskretion oder Desinteresse, routinierter Formalismus, Angst und Zwang, mangelnder Lebensbezug, weltfremde Bußauflagen etc.

Die Beichte wird ihr heilsames Potential eher (wieder) entfalten, wenn sie sein darf, wozu sie eingerichtet wurde: eine notwendige Umkehrhilfe in schwerer Schuld, die –  ein Heilmittel! – weder wahllos noch überdosiert anzuwenden ist. So unterschiedliche Lebensrealitäten wie sie in der  klösterlichen Andachtsbeichte, beim Bekenntnis eines folgenschweren Ehebruchs oder bei der (nicht nur terminlich) verordneten Kinderbeichte vor der Erstkommunion zur Sprache kommen, erfordern Unterscheidung und nicht einfach die professionelle Gleich„behandlung“ in einem durchschnittlich 5- bis 15-minütigen Verfahren: Die tägliche Gewissenserforschung mit Schuldbekenntnis hat ihren primären Ort in der Komplet; Kindern hilft dann und wann ein geschütztes Gespräch mit einer Vertrauensperson. Eine tiefgreifende Lebensumkehr aber braucht Zeit, Freimut und (ggf. auch längerfristige) persönliche Begleitung. Hier mag ein erstes gemeinsames Gebet um Einsicht, Klärung der nötigen Umkehrschritte und die nötige Bereitschaft dazu womöglich befreiender sein als die sofortige Absolution. Beichten „mit Augenmaß“ würdigt Schuldiggewordene als Gottes geliebte „Heimkehrer“. Ihr Bekenntnis bringt das Scheitern ins Wort; zugleich bezeugt es Gott als den, der selber schon allem Bösen den letzten, tödlichen Stachel gezogen hat.

Erstveröffentlichung: geist.voll, 1/2018, 22-23.

 

 

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