Kirchenmusik. Musik und Gesang im Gottesdienst

Was wäre die Wiener Kirchenmusik ohne die „klassischen Messen“ eines Mozart, Haydn oder Schubert? Beinahe wären sie 1903 als „ungeeignet“ dem päpstlichen Bann zu Opfer gefallen, doch gestand Pius X. auf kaiserliche Intervention den Wienern ausnahmsweise „ihre“ Orchestermessen zu. Die Schattenseite: So manche Kostbarkeit aus dem thesaurus musicae sacrae der christlichen Kirchen ist die längste Zeit unentdeckt geblieben oder hat keinen Eingang in das kirchenmusikalische Leben der Gemeinden gefunden. Im Spezialkurs „Kirchenmusik“ bei den THEOLOGISCHEN KURSEN wird diese Schatztruhe geöffnet.

 Wer sind die Musikanten Gottes?

Das Zweite Vatikanische Konzil hat allen Liturgiefeiernden zur Aufgabe gemacht, „die überlieferte Musik der Gesamtkirche“ – einen „Reichtum von unschätzbarem Wert“ – als liturgische Ausdrucksform der ganzen Gottesdienstgemeinde „mit größter Sorge“ zu bewahren und zu pflegen. Die Superlative verraten einen hohen Anspruch: „Gesamtkirche“, „unschätzbar“, „größte Sorge“, „ganze Gottesdienstgemeinde“ … – die Zeiten sind vorüber, da Messen von Klerikern „gelesen“, von Professionisten „aufgeführt“ und von den Gläubigen „besucht“ wurden. Das ganze Gottesvolk ist gefragt!

Psalmen, Hymnen, Lieder

Von Anfang an wurden im christlichen Gottesdienst „Psalmen, Hymnen und Lieder“ gesungen, wie es die neutestamentlichen Briefe und Zeugnisse aus frühchristlicher Zeit beschreiben – nicht zuletzt um, wie etwa im „Gloria“, wichtige, teils strittige Glaubensinhalte „einzuüben“. Psalmodie und Gemeindegesang, wie wir sie heute kennen, knüpfen also trotz jahrhundertelanger Entwöhnung an den Anfängen liturgischen Feierns an. Lange ausdrücklich abgelehnt sind die Verwendung klangvoller Instrumente und der Tanz, wozu die Psalmen auffordern. Auch die Orgel, das klassische Instrument der Kaiserverehrung, hielt erst am Ende des 1. Jahrtausends in Klöstern und Kirchen des Westens Einzug.

Vom Gregorianischen Choral zum Neuen Geistlichen Lied

Gegen Ende der Spätantike haben ausgebildete Kantoren und Sängergruppen (Scholen) die Pflege des unbegleiteten einstimmigen „Gregorianischen Chorals“ übernommen, der bis heute als der römischen Liturgie eigener Gesang gilt. Dazu kamen zeitgenössische Formen ebenfalls lateinischer, ab dem 9. Jh. mehrstimmiger, später teils begleiteter und ab dem 17. Jh. auch rein instrumentaler Musik. Ihre liturgische Qualität schien Päpsten und Konzilien zweifelhaft, doch als schmückendes Beiwerk war sie geduldet. Das „neue Lied“ für den Herrn (Ps 33,3; 40,4 u. ö.) ist also, wiederholten Verboten zum Trotz, immer „vielstimmig“ erklungen – und sucht auch heute seinen adäquaten Ausdruck.

Katholische & Evangelische Kirchenmusik

Doch auch das Volk wollte im Gottesdienst geistlich singen – und zwar in seiner Sprache. Was im Mittelalter vereinzelt vorkam, machten Luther und andere Reformatoren sowie aufgeklärte katholische Bischöfe zum Standard: Sie gaben volksprachliche Gesangsbücher heraus und damit den Gläubigen eine eigene Stimme zum Lob Gottes. Es dauerte freilich bis ins 20. Jahrhundert, bis dieser Gesang, zumal von Frauen, katholischerseits als wahrhaft liturgischer Vollzug anerkannt wurde.

Anglikanische & Orthodoxe Kirchenmusik

Reichtümer anderer christlicher Kirchen sind u. a. das gemeindlich gesungene Stundengebet in der anglikanischen Kirche sowie deren reichhaltige Chorliteratur von „Hymns and Anthems“; und die „göttliche Kunst“ der rein vokalen und erst spät in manchen Traditionen auch mehrstimmigen Kirchenmusik der Orthodoxie , in der die menschliche Stimme als das einzig geeignete Instrument zur Kommunikation zwischen Gott und Mensch gilt.

Kirchenmusikalische Hoch-Zeiten: Weihnachten und Ostern

Liturgisches Singen und Kirchenmusik sind keineswegs eintönig: Besonders deutlich wird das in den hohen Festzeiten des Kirchenjahres von Ostern und Weihnachten: Ihr Repertoire bietet dem Volksgesang, den Chören und Sängerscholen, KantorInnen und Kirchenmusikschaffenden nahezu unerschöpfliche Möglichkeiten, biblische und geistliche Texte quer durch die Konfessionen und Jahrhunderte in der Liturgie der Gegenwart zum Klingen zu bringen.

Mag. DDr. Ingrid Fischer, Theologische Kurse


Erstveröffentlichung: Magazin Klassik No. 11 (Winter 2018/2019), 32-35. [Link]

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